Wenn Donald Tusk dieser Tage über die Europäische Union spricht, dann ist zwischen den Zeilen ein Hadern herauszuhören, das dem 58-jährigen Erfolgsmenschen aus dem nordpolnischen Danzig eigentlich fremd ist. Der Träger des europäischen Karlspreises 2010 sagt derzeit Sätze wie diesen: "Was einmal zerbrochen ist, lässt sich nicht mehr reparieren." Und er mahnt: "Es ist höchste Zeit, dass wir uns gegenseitig zuhören, statt nur die eigenen Argumente wahrzunehmen."

Kann ein Mann mit einer solch negativen Grundhaltung helfen, die EU und die europäische Idee zu retten? Nichts Geringeres erhoffen sich manche eingefleischte Europäer von Tusk, die ihn im Dezember 2014 mit Begeisterung oder zumindest mit Wohlwollen im Amt des Ratspräsidenten begrüßten. Rebecca Harms etwa, als Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament eine parteipolitische Gegnerin des liberalkonservativen Polen, erklärte damals: "Donald Tusk ist ein Europäer von Format. David Cameron und andere können von ihm lernen."

Britenpremier Cameron ist der Mann, von dessen Land gegenwärtig eine der größten Gefahren für den Zusammenhalt der EU ausgeht: der drohende Brexit, der Austritt Großbritanniens per Volksabstimmung, ist neben der Flüchtlingskrise das zentrale Thema beim EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag.

Der vermeintliche Vorzeige-Europäer Tusk wird, wie stets, nicht nur die Gesprächsführung innehaben, sondern auch mögliche Hinterzimmerverhandlungen moderieren. Kann er dort die Wende zum Positiven einleiten?

Wer Tusk in den vergangenen Krisenmonaten beobachtet hat, dem drängt sich eher der Eindruck auf, dass er in seinem neuen Amt noch nicht wirklich angekommen ist. Kaum hatte sich der Ratspräsident Anfang Februar mit Cameron auf eine Vorschlagsliste für EU-Reformen verständigt, da stellte er via Twitter mit einem abgewandelten Shakespeare-Zitat sogleich die Seinsfrage: "To be, or not to be together, that is the question." Es war ein missglückter humoristischer Ausfall, wenn es sich denn um versuchten Humor gehandelt haben sollte.

Zur Ehrenrettung des Polen Tusk, der als erster Osteuropäer an der Spitze der EU steht, sei angemerkt, dass sein erstes Präsidentenjahr auch ohne sein Zutun kaum schlechter hätte laufen können.

Weltweit, insbesondere aber in Europa nahmen die Krisen lawinenartig Fahrt auf: der Syrien-Krieg, der Flüchtlingsstrom, der knapp abgewendete Grexit und der drohende Brexit, der Ölpreisverfall, die nicht überwundene Ukraine-Krise und der Dauerstreit mit Russland. Hinzu kommt eine Stärkung der extremen Rechten und Linken in zahlreichen Mitgliedsstaaten.

Man wird sich schnell darauf einigen können, dass kein noch so begnadeter Staatsmann an der Spitze der EU diesen Problemberg allein abtragen könnte. Aber einen Macher, der energisch anpackt, den bräuchte es schon – eine Rolle, die Tusk in seiner siebenjährigen Warschauer Regierungszeit zweifellos ausfüllte. Er war 2011 der erste Premier im postkommunistischen Polen, dem eine Wiederwahl gelang. Und: Polen galt unter Tusk lange als das Wirtschaftswunderland und EU-Musterstaat schlechthin.

Der richtige Mann zur falschen Zeit

Wer Tusk noch aus seiner Warschauer Zeit kennt und ihn nun in Brüssel lavieren und manchmal auch irrlichtern sieht, der wird den Eindruck nicht los, dass den EU-Ratspräsidenten anderes hemmt als nur die Größe der Herausforderungen. Der einst so ruhige, besonnene und zugleich durchsetzungsstarke Tusk, so scheint es, ist in Brüssel vielleicht der richtige Mann – aber zur falschen Zeit. Der Pole wirkt auf der EU-Bühne schlicht deplatziert, zumindest derzeit.

Schlaglichtartig deutlich wurde Tusks Dilemma im vergangenen Dezember, als er in einem Interview mit mehreren europäischen Zeitungen den berühmt gewordenen Satz sagte: "Diese Flüchtlingswelle ist zu groß, um sie nicht zu stoppen."

Das war eine offene Kampfansage an die Adresse von Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie sie einem EU-Ratspräsidenten, der auf Ausgleich und Diplomatie bedacht sein sollte, nicht gut zu Gesicht steht. In Berliner Regierungskreisen und auch in Brüssel machte sich Unmut breit.

Warum aber hatte Tusk den Satz gesagt? Der Pole galt (und gilt im Grunde immer noch) als enger politischer Vertrauter der deutschen Kanzlerin. Tusk verdankt der einflussreichen Merkel nicht zuletzt seinen EU-Job. Aber auch persönlich stehen sich die beiden fast gleichaltrigen Konservativen mit Ost-Vergangenheit und ausgeprägtem Freiheitssinn nah. "Zwischen uns ist echte Freundschaft", bekannten die beiden Regierungschefs bei einem Besuch der Kanzlerin in Warschau 2013. Was also ist passiert?