EU-Gipfel werden mit großer Lust als Showdown inszeniert, in der Euro-Krise waren sie es gelegentlich tatsächlich. Wenn vor dem jetzigen Treffen EU-Ratspräsident Donald Tusk von einem "Alles-oder-Nichts-Gipfel" spricht, könnte er damit Recht haben. Allerdings eher im Bezug auf David Cameron als auf Angela Merkel. Die Verhandlungen über Reformen der EU, mit denen der britische Premier seine Bürger von einem Verbleib in der Gemeinschaft überzeugen will, dominieren die Agenda in Brüssel an beiden Tagen und in der Nacht dazwischen. Für das in den Augen der meisten Europäer größere Thema, die Flüchtlingskrise, die mit dem Namen Angela Merkels verbunden ist, bleibt nicht viel mehr als das Abendessen der Staats- und Regierungschefs an diesem Donnerstag. In Sachen Migration ist dieser Gipfel nur ein Zwischenschritt – aber beileibe kein unwichtiger.

Denn auch wenn nach dem Abendessen keine spektakulären Beschlüsse zu erwarten sind, bedeutet das nicht das Ende für eine gemeinsame europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise.

Nüchtern hielt Merkel bei ihrer Ankunft in Brüssel fest, sie wolle eine "Lösung der 28", bei der alle mitziehen. Es sollen weniger Flüchtlinge ungeregelt nach Europa drängen, das ist das gemeinsame Ziel aller EU-Staaten. Die nationalen Antworten sehen bei vielen so aus: Entweder abschotten, also Zäune, Grenzkontrollen und Abweisung derer, die Wohlstand statt Schutz suchen oder manchen Ländern einfach zu viel, respektive gleich gar nicht willkommen sind. Oder "durchwinken", insbesondere auf der Balkan-Route also die Bewältigung der Lage an den nächsten Nachbarn weiterreichen – bis hoch nach Skandinavien, aber vor allem nach Deutschland. 

Westbalkanroute - Der beschwerliche Weg in Richtung Asyl Seit Anfang des Jahres sind über 100.000 Flüchtlinge über die Westbalkanroute nach Europa gekommen. Die Europäische Union ringt um die Verteilung der mehr als eine Million Schutzsuchenden, die 2015 kamen.

Begründet werden solche Maßnahmen ein ums andere Mal mit dem Hinweis darauf, dass die EU ihre Außengrenzen nicht wirksam schütze. Man sei also quasi gezwungen, im Alleingang zu reagieren. Gerade die Abwesenheit einer europäischen Antwort führe zu den nationalen Antworten, so die Logik.

Nicht gerade eine "Lösung der 28", die sich da andeutet. Setzen sich also jene durch, die lieber allein dicht machen, während die Kanzlerin in Brüssel versucht, von ihrer europäischen Linie zu retten, was zu retten ist?

Nicht unbedingt. Zum einen, weil auch nationale Lösungen nicht unbedingt allen anderen Ländern schaden müssen. Auch sie lassen sich koordinieren. Beispielhaft dafür ist die Abstimmung zwischen Österreich und den anderen Staaten auf der Balkanroute, Flüchtlinge nach einer Erstkontrolle in Mazedonien künftig gemeinsam nach Deutschland zu transportieren. Das gilt allerdings nur für Syrer, Afghanen und Iraker. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatten die Balkanstaaten noch am Mittwochabend versichert, Alleingänge vermeiden zu wollen.

Außerdem wissen alle Staaten, das ist der zweite Hinweis, dass eine gemeinsame Lösung möglich ist: Genau dieses "Durchwinken" kann so nicht auf Dauer weitergehen. Im Entwurf des Abschlussdokuments heißt es: "Wir müssen zu einer Situation zurückkehren, in der alle Schengen-Staaten den Schengen-Grenzkodex wieder anwenden und Drittstaaten-Angehörigen an den Außengrenzen die Einreise verweigern, die die Einreise-Anforderungen nicht erfüllen und keinen Asylantrag gestellt haben, obwohl dies möglich gewesen wäre." Im Grunde bedeutet das: Wer sich als Flüchtling anfangs nicht hat registrieren lassen, kann nicht einfach weiter quer durch Europa reisen, um anderswo seinen Asylantrag zu stellen, sondern wird an den jeweiligen Grenzen abgewiesen.

Auf dem Weg dahin üben sich die europäischen Staaten in einer Art Zeitspiel, auch bei diesem Gipfel. Das Szenario sieht so aus: Außengrenze sichern, Schlepper bekämpfen, damit die Zahlen der ankommenden Flüchtlinge überall deutlich und dauerhaft zurückgehen – erst dann scheint es eine Chance für eine dauerhafte Regelung zur Verteilung von Flüchtlingen zu geben. 

Am Ende ist nicht nur Merkels Hoffnung: Wenn die illegale Migration wirksam unterdrückt werden kann, ist der Weg frei für legale Möglichkeiten, Flüchtlinge in Europa aufzunehmen – fair verteilt auf möglichst alle Staaten. Ein paar, die als "Koalition der Willigen" firmieren, scheinen das zumindest nicht grundsätzlich abzulehnen. Ein Treffen dieser Gruppe wurde bei diesem Gipfel abgesagt, weil ein zentraler Mitspieler, die Türkei, nach dem Anschlag in Ankara mit anderem zu tun hat. Später dürfte aber gerade diese Runde wichtig sein, um eine gemeinsame Lösung zu entwickeln.

Bis dahin können koordinierte nationale Antworten vielleicht helfen, Zeit zu gewinnen. Für eine wirkliche Einbindung der Türkei, für den Aufbau einer echten gemeinsamen Grenzschutzbehörde, und für die Überzeugungsarbeit, die Merkel für diesen Weg dennoch leisten muss.

Flüchtlinge - Hotspots auf den griechischen Inseln fertig In den Hotspots auf den griechischen Inseln sollen die Flüchlinge registriert und von dort aus in der EU umverteilt werden. Doch auf einen Verteilungsschlüssel können sich die Länder nicht einigen.