Um zu verstehen, wo die Europäische Union gerade steht, muss man zurückblicken. Als Jean-Claude Juncker vor anderthalb Jahren an die Spitze der EU-Kommission trat, gab er ein Versprechen: Künftig werde die EU das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden. "Bigger on big things and smaller on small things", hieß sein Motto. Größer bei großen Themen, kleiner bei kleinen. Sollte heißen: Künftig werde sich die Union weniger mit der Regulierung von Glühbirnen beschäftigen und mehr etwa über Wettbewerbsfähigkeit oder Außenpolitik nachdenken.

Nun, von Glühbirnen war in Brüssel schon länger nicht mehr die Rede. Die kleinen Themen sind weitgehend von der Agenda verschwunden. Stattdessen haben die Regierungschefs der EU in den vergangenen beiden Tagen über Krieg und Frieden, Flüchtlinge und Reisefreiheit, Schutzzonen und Grenzen, Syrien und Libyen, Russland und Türkei gesprochen. Alleine die Tagesordnung zeigt: Es geht gerade um große, sehr große Fragen. Welchen Platz nimmt Europa ein in der Welt? Was traut die EU sich politisch zu? Wie viel Schlagkraft können die 28 Mitgliedsländer gemeinsam entwickeln?

Ach ja, und um Großbritannien ging es auch. Ist das nun ein großes oder doch eher ein kleines Thema?
Es zeichnet die EU aus, dass sie auf viele Befindlichkeiten Rücksicht nimmt. Wobei sich manche Mitgliedsländer deutlich mehr Befindlichkeiten herausnehmen als andere Länder. Zu ihnen gehört seit jeher Großbritannien. Um die Europaskeptiker in seiner eigenen Partei zu besänftigen, hat der britische Premier David Cameron vor einigen Jahren ein Referendum angekündigt und damit die EU in Geiselhaft genommen: Entweder ihr kommt uns entgegen oder wir treten aus. Nicht alle können ihren Unmut darüber so gut verbergen wie Angela Merkel. Die litauische Präsidentin hatte Cameron schon beim letzten Treffen angeblafft: Er verschwende Zeit, die die EU dringend für andere, wichtigere Fragen brauche.

Es gibt einen Kompromiss, aber gewonnen ist damit nichts

Recht hat sie, denn Cameron führt einen Kampf zur Unzeit. Weil er sich zu Hause unter Druck wähnte, hat er noch einmal das Bild vom schwerfälligen, bürokratischen Brüssel heraufbeschworen. Doch dieses Brüssel ist ein Klischee von gestern. Während Aleppo sturmreif bombardiert wird und Hunderttausende auf der Flucht sind, hat Cameron die EU gezwungen, sich monatelang mit den Spiegelstrichen der britischen Sozialgesetzgebung zu befassen. Nun gibt es einen Kompromiss, viel Klein-Klein, aber gewonnen ist damit nichts.

Er wolle keine Rosinen picken, sondern die EU zum Wohle aller reformieren – so hatte es Cameron am Beginn der Verhandlungen angekündigt. Von diesem Versprechen ist kaum etwas übrig geblieben. Dafür erklärte Cameron gestern Abend mit stolzgeschwellter Brust, sein Land habe künftig einen "Sonderstatus" in der Union. Großbritannien könne damit "das Beste aus beiden Welten" auswählen, also vom gemeinsamen Binnenmarkt der EU profitieren, ohne weitere europäische Verpflichtungen einzugehen.

Spätestens an dieser Stelle wird die Sache dann doch noch einmal grundsätzlich. Denn der britische Premier ist ja nicht der Einzige in der EU, der die Gemeinschaft gerade infrage stellt. Aber selten hat ein Regierungschef seinen nationalen Egoismus so unverhohlen formuliert und vertreten wie nun Cameron. Wenn dessen Beispiel Schule macht, wird die Union künftig nicht stärker, sondern sehr viel schwächer dastehen.