Syrer, die vor dem Bombenhagel des Assad-Regimes und der Russen geflohen sind, warten an der syrisch-türkischen Grenze. © Ammar Abdullah/Reuters

Selten kann man Politiker so genau bei der Schizophrenie ihrer Arbeit beobachten, wie Angela Merkel an diesem Montag in Ankara. Sie trifft den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu und Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Einziges Thema: Wie und gegen welche Geldleistung der EU kann die Türkei dazu gebracht werden, die Grenze an der Ägäis besser abzuschirmen und so zu verhindern, dass sich dort jeden Tag weitere Tausende Flüchtlinge auf den Weg Richtung Griechenland und Europa machen. Merkel bringt das EU-Angebot von drei Milliarden Euro für die Versorgung der mehr als zwei Millionen Flüchtlinge im Land mit. Die Türkei will mehr, sie möchte, dass ihre Bürger - wie schon lange versprochen - künftig visafrei in die EU reisen können.


Soweit ein normales politisches Feilschen um wechselseitige Interessen. Doch zum zynischen Geschäft wird es, wenn hochrangige EU-Vertreter zur gleichen Zeit die Türkei auffordern, die Grenzen, die sie im Westen dicht machen soll, im Osten für Zehntausende weitere Vertriebene aus Syrien zu öffnen. Sie sind geflohen vor dem Großangriff des Assad-Regimes und russischer Bomber auf die bislang teilweise von Rebellen gehaltene Großstadt Aleppo. Etwa 50.000 Menschen sind nur notdürftig in Zelten an der Grenze untergebracht, ohne nennenswerte Versorgung, zum Teil unter freiem Himmel bei winterlichen Temeraturen, und erbitten Einlass.


In einer solchen Situation ist es natürlich ein humanitäres Gebot, die Vertriebenen aufzunehmen.  Das wird wohl auch Merkel in vorsichtiger Form äußern. Doch die türkische Regierung argumentiert, ihre Aufnahmekapazitäten seien erschöpft – eine Aussage, die wir in ähnlicher Form von deutschen Bürgermeistern, Ministerpräsidenten und der CSU beständig vernehmen. Aber während im wesentlich reicheren Deutschland daraus der Schluss gezogen wird, die Grenzen dicht zu machen oder zumindest Obergrenzen festzulegen, drängt man die ferne Türkei, ihre Bedenken hintanzustellen und alle Notleidenden aufzunehmen. Die Türkei würde so zu Europas Flüchtlingssammellager.

Syrien - Zehntausende Syrer harren an türkischer Grenze aus Zehntausende Menschen flüchten vor den Kämpfen im Norden Syriens in Richtung Türkei. Sie sitzen unter dramatischen Bedingungen an der Grenze fest.

Die Katastrophe könnte sich ausweiten

Falls die Türkei dem europäischen Ansinnen nachkommt, werden sich die Neuankömmlinge in die große Zahl der Flüchtlinge einreihen, die dort mehr schlecht als recht versorgt werden und sich zumeist selbst ein Dach über dem Kopf suchen müssen, ohne Arbeitserlaubnis auf schlechtbezahlte Minijobs angewiesen. Immer noch besser, als von Assads Fassbomben oder russischen Raketen getötet zu werden. Doch mit einer humanitären Versorgung, die nur entfernt deutschen Standards entspricht, hat das nichts zu tun.

Die Katastrophe könnte sich in den nächsten Tagen noch ausweiten. Denn Russland und das Assad-Regime setzen mit iranischer Unterstützung ihren Vormarsch gnadenlos fort, ohne Rücksicht auf Zivilisten. Schon ist von einer weiteren Million Flüchtender die Rede, zusäzlich zu den mehr als 7 Millionen Binnenvertriebenen, die es innerhalb Syriens schon gibt, und den gut 4 Millionen in den Nachbarländern. Wenn sich davon nur ein Teil Richtung Türkei in Bewegung setzt, würde das Land unter dieser Last wohl zusammenbrechen, ebenso wie der wesentlich kleinere Libanon und Jordanien, die ebenfalls schon Hunderttausende Kriegsflüchtlinge aufgenommen haben.

Der Westen ist hilflos

Und ein Ende des russischen Bombardements und des Assad-Vormarschs ist nicht in Sicht. Offenbar wollen sie die Gunst der Stunde nutzen, vor einer Wiederaufnahme der Friedensgespräche für Syrien möglichst große Teile des Landes wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Der schon fünf Jahre tobende Krieg erreicht eine neue Eskalationsstufe – und der Westen schaut hilflos zu. Er hat dem nichts entgegenzusetzen: Den Russen und den Assad-Truppen nebst iranischer Brigaden wollen sich weder die USA noch ihre Verbündeten in den Weg stellen; sie konzentrieren sich auf den IS, die USA wollen eine direkte Konfrontation mit den Russen um jeden Preis vermeiden. Und die Rebellen sind offensichtlich nicht in der Lage, ihre Stellungen gegen die konzentrierten Angriffe zu halten.

So blutet ein Land aus. Und wir diskutieren derweil über Themen wie Familiennachzug für Minderjährige, Ja oder Nein, oder einen Beitrag der Asylbewerber von 10 Euro zu ihrem Integrationskurs.