Bundesinnenminister Thomas de Maizière © Michael Kappeler/Poll/Reuters

Mehr als 150.000 Asylbewerber aus Afghanistan wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert – nach Ansicht der Bundesregierung sind das zu viele. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist zu einem Kurzbesuch in Kabul eingetroffen, um mit der afghanischen Regierung an einer Lösung zu arbeiten. Sein Ziel ist es, mehr Asylbewerber in ihre Heimat zurückzuschicken. Wenn möglich, sollen sie freiwillig die Rückreise antreten in jene Landesteile, die nach Ansicht der Regierung sicher sind. Als Anreiz hält de Maizière dabei auch finanzielle Hilfen für möglich.

Es könne nicht sein, dass die afghanische Bevölkerung und gerade die jungen Leute ihr Land verließen, um in Deutschland eine wirtschaftlich bessere Zukunft zu suchen, sagte de Maizière in der afghanischen Hauptstadt. "In Afghanistan werden von Schleusern Gerüchte über paradiesische Zustände in Deutschland gestreut, um Geschäfte zu machen. Das alles wollen wir nicht."

Eventuell könnten diese Menschen vor Ort ein Startguthaben bekommen, um sich wieder ein Leben in Afghanistan aufzubauen. Geld für die Heimreise können Flüchtlinge bereits heute beantragen, sagte de Maizière.

"Natürlich ist die Sicherheitslage in Afghanistan kompliziert", räumte de Maizière ein. "Aber Afghanistan ist ein großes Land. Dort gibt es unsichere und sichere Gebiete." Die meisten Menschen kämen auch nicht nach Deutschland, weil sie sich um ihre Sicherheit fürchteten, sondern weil sie sich eine bessere Zukunft wünschten.

Während de Maizière in der deutschen Botschaft zu Mittag aß, gab es in der afghanischen Hauptstadt eine laute Explosion. Ein Sprecher des Innenministeriums, Nadschib Danisch, sagte: "Nach bisherigen Informationen handelt es sich um einen Selbstmordanschlag vor dem Kabuler Zoo." Dort seien Gebäude der Kabuler Polizei (ANCOP). Die Straße, die im Westen der Stadt am Zoo vorbeiführt, ist eine der am meisten befahrenen Straßen der Stadt.

Nach Angaben der afghanischen Regierung wurden bei dem Anschlag zehn Menschen getötet und zwanzig weitere verletzt. Nach Angaben des afghanischen Innenministeriums sprengte sich ein Selbstmordattentäter vor der im Stadtteil Dehmasang gelegenen Polizeiwache in die Luft. Zahlreiche Menschen hatten dort wegen Führerscheinen und anderer Dokumente angestanden.

Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich wenige Stunden später zu dem Anschlag. Im vergangenen Monat hatten Extremisten in Kabul eine ganze Reihe von Selbstmordanschlägen verübt. Sie wollen dadurch die Bemühungen der vom Westen unterstützten Regierung stören, den Friedensprozess in dem Land wiederzubeleben.

154.000 Afghanen suchten 2015 Schutz

Im Jahr 2014 hatten noch etwa 9.700 Menschen aus Afghanistan in Deutschland einen Asylantrag gestellt. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Afghanen, die nach Deutschland fliehen, aber enorm gestiegen. Nach den Syrern sind Asylbewerber aus Afghanistan mittlerweile die größte Gruppe. Auch zu Jahresbeginn hat sich die Entwicklung fortgesetzt: Allein vom 1. bis 18. Januar wurden nach Angaben aus Regierungskreisen mehr als 12.000 Asylsuchende aus Afghanistan in Deutschland registriert.

De Maizière hatte bereits im Oktober beklagt, der starke Anstieg sei inakzeptabel. Er argumentiert, deutsche Soldaten und Polizisten trügen dazu bei, Afghanistan sicherer zu machen. Auch sei viel Entwicklungshilfe geflossen.

"Wir wissen um unsere humanitäre Verantwortung gegenüber gefährdeten Ortskräften, die für uns gearbeitet haben und allein deswegen gefährdet sind", sagte de Maizière in Kabul. Ansonsten sei aber das Ziel, "dass die Menschen in Afghanistan bleiben und das Land aufbauen".

Fast jeder zweite Afghane muss Deutschland verlassen

Die Schutzquote – also der Anteil derer, die mit ihrem Asylantrag in Deutschland Erfolg haben – lag bei Afghanen zuletzt bei 47,6 Prozent. Das heißt, mehr als die Hälfte von ihnen müssen das Land eigentlich wieder verlassen. Im Schnitt dauern die Asylverfahren bei ihnen derzeit aber 14 Monate. 

Und auch nach einem negativen Bescheid bleiben viele Afghanen in Deutschland: Zum Teil bekommen sie eine Duldung – etwa weil sie aus einer bestimmten Gegend des Landes stammen, die unsicherer ist als andere. Zum Teil weigert sich die afghanische Regierung aber auch, abgelehnte Asylbewerber wieder aufzunehmen – etwa weil Dokumente fehlen und sie die Betroffenen nicht als ihre Staatsbürger anerkennen.

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