Es sind junge Mütter, ihre Babys auf dem Arm. Es sind Väter, die ihre letzten Habseligkeiten in großen Tüten schleppen. Es sind alte, ausgezehrte Frauen, die riesige Plastiksäcke voller Kleidung auf dem Kopf tragen. Und ein kleiner Junge – an der Hand von Soldaten – der seine Eltern in den Kriegswirren in Syrien verloren hat. Sie alle haben nur ein Ziel: Weg aus dem Kampfgebiet um Aleppo in Nordsyrien, weg von den russischen Bomben.

Rund 50.000 von ihnen sind an der Grenze zur Türkei gestrandet, vor allem in dem syrischen Grenzort Bab al-Salam. Sie warten dort in der Kälte unter freiem Himmel darauf, dass die Türkei sie einreisen lässt.

"Meine Frau ist auf der anderen Seite der Grenze, allein mit unseren drei Kindern", sorgt sich Abdullah, dem die Flucht aus Syrien in die Türkei bereits gelungen ist, auf der türkischen Seite am Grenzübergang Öncüpinar. Auch sein Schwager sei nun mit der ganzen Familie geflüchtet, aber nur dieser habe in die Türkei einreisen dürfen, weil er medizinische Hilfe brauchte.

Syrer sollen noch in Syrien versorgt werden

Die EU macht Druck auf die Türkei, die Menschen ins Land zu lassen. Bei einem Treffen der europäischen Außenminister in Amsterdam sei dem türkischen Kollegen Mevlüt Çavuşoğlu deutlich gemacht worden, dass die Grenzen offen bleiben sollten, erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am Samstag.

Aber auch am Sonntag blieb der Grenzübergang dicht, wie ein Sprecher des Gouverneursamts von Kilis bestätigte. Die Türkei wolle die Flüchtlinge zunächst in deren Heimatland versorgen. "Wir tun alles, was in unserer Macht steht", sagte der Sprecher. Die Grenze sei nicht grundsätzlich geschlossen. Falls nötig, werde den Flüchtlingen Einlass gewährt, sagte der Sprecher, ohne Details zu nennen. Auch der Gouverneur selbst sagte am Wochenende einerseits, man halte "an der Politik der offenen Tür für diejenigen fest, die vor der Gewalt des Regimes und den russischen Luftschlägen fliehen". Andererseits bestehe derzeit "keine Notwendigkeit, diese Leute innerhalb unserer Grenzen zu versorgen".

Die Türkei habe ihre maximale Aufnahmefähigkeit von Flüchtlingen erreicht, sagte der stellvertretende Ministerpräsident des Landes, Numan Kurtulmuş. Ob die Regierung die Situation an der türkisch-syrischen Grenze nun zum Politikum machen und zum Beispiel weitere Hilfen der EU verlangen will oder tatsächlich keine Möglichkeit mehr sieht, Zehntausende weiterer Syrer aufzunehmen, ist unklar. Mit drei Milliarden Euro wird das Land von der EU unterstützt, um die Folgen der Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Eine Million weitere Menschen in der Region um Aleppo

Die einstige syrische Wirtschaftsmetropole Aleppo liegt nur etwa 60 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Unterstützt durch russische Luftangriffe rücken im Raum Aleppo die syrischen Soldaten gegen die Aufständischen vor, darunter auch viele Islamisten der Al-Nusra-Front und ihre Verbündeten. Für den Fall, dass die Stadt ganz an die syrischen Regierungstruppen fällt, rechnet die Türkei mit mehr als einer Million zusätzlichen Flüchtlingen – nachdem sie nach eigenen Angaben bereits mehr als 2,7 Millionen Syrer aufgenommen hat.

Syrien - Flüchtlinge aus Aleppo hoffen auf die Türkei Viele Syrer, die vor dem Bombardement in Aleppo geflohen sind, sitzen an der Grenze zur Türkei fest.

Vorbereitungen für die Aufnahme neuer Flüchtlinge laufen jedenfalls schon seit Tagen. Einige hundert Meter von der Straße entfernt am Grenzposten Öncüpinar hat die türkische Regierung bereits ein Flüchtlingslager errichtet. Dort werden jetzt zusätzliche Zelte aufgestellt.

Der Präsident des Türkischen Roten Halbmondes, Ahmet Lutfi Akar, sieht seine Organisation gut vorbereitet. "Wir helfen ihnen an der syrischen Grenze schon seit fünf Jahren. Das ist nichts Neues, aber wir bereiten uns auf eine neue Flüchtlingswelle vor", sagt Akar. "Unsere Teams sind bereit, sie mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen, sobald sie bei uns sind."