Viele Stimmen in der französischen Politik besinnen sich erst jetzt auf Frankreichs Verpflichtungen gegenüber der deutschen Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage. Besser spät als gar nicht. Nur: Die Regierung in Paris handelt immer noch nicht entsprechend. Hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer engagierten Flüchtlingspolitik geschafft, auch ihren wichtigsten Verbündeten in Europa, Frankreich, zu verlieren? Steht sie vor dem entscheidenden EU-Sondergipfel zur Flüchtlingspolitik wirklich "allein" da, wie die Pariser Tageszeitung Le Monde notiert? Das hieße, etwas vorschnell die vielen französischen Stimmen zu ignorieren, die sich heute spät, aber deutlich zur Flüchtlingspolitik der Kanzlerin bekennen.

"Nein, Angela Merkel ist nicht naiv. Nein, sie hat keinen historischen Fehler begangen. Nein, sie hat Europa nicht gefährdet, sie hat Europa gerettet." So kommentiert ein vielbeachteter Aufruf sozialistischer Abgeordneter und Intellektueller unter Federführung von Jacques Delors' Tochter Martine Aubry in dieser Woche die Politik der Bundeskanzlerin. Aubry, die ehemalige Parteichefin der Sozialisten, wehrt sich damit ausdrücklich gegen die Kanzlerinnen-Schelte von Premierminister Valls. Der ist zwar ihr Parteifreund, hatte aber kürzlich auf Visite in München die deutsche Flüchtlingspolitik scharf kritisiert.

Nicht nur bei Aubry kam das schlecht an. Frankreichs bekanntester Karikaturist, Plantu, zeichnete Valls anschließend als bellenden Hund hinter einem Zaun, den seine Herrin Merkel zurückpfeift. Empört zeigte sich auch der neue französische Außenminister Jean-Marc Ayrault. Vor zwei Jahren war Ayrault noch Vorgänger von Valls. Schon damals pflegte er als ehemaliger Deutschlehrer die Beziehungen mit Berlin. Nun ließ er aus einem noch unveröffentlichten Buch zitieren, in dem er Valls schlicht als "unzuverlässig" bezeichnet. Und sprach öffentlich vom "heiligen Asylrecht", von dem Frankreich an der Seite Deutschlands nicht lassen werde.

Unterstützung auch von der Opposition

Unterstützung bekommt Merkel auch von der französischen Opposition. Der landesweit angesehene Parteiführer François Bayrou von der Zentrumspartei Mouvement démocrate (MoDem), die in Umfragen derzeit einen Stimmenanteil von 15 Prozent erreicht, sagt gegenüber ZEIT ONLINE über Merkel: "Als einzige unter den europäischen Staatschefs hat sie in der Flüchtlingskrise eine Haltung eingenommen, die auf Höhe der historischen Herausforderung ist."  Seiner Regierung wirft er einen "Mangel an Solidarität mit der mutigen Politik Merkels" vor.

Ähnlich hält es die Bewerberin für die Präsidentschaftskandidatur der größten Oppositionspartei Die Republikaner, Natalie Kosciusko-Morizet, mit der Kanzlerin. "Wenn jemand ertrinkt, fragt man nicht nach seinem Reisepass, sondern streckt ihm die Hand aus", sagt die parteiinterne Rivalin von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Für die Oppositionspolitikerin entspricht Merkels Großzügigkeit den europäischen Grundwerten. Die Kritik von Premier Valls an der Kanzlerin beruhe hingegen auf "einer verrückten Arroganz". 

"30.000 Flüchtlinge – Pipifax"

Auch Alain Juppé will es sich mit Merkel nicht verderben. Der ehemalige Premier- und Außenminister, ebenfalls Präsidentschaftsanwärter der Republikaner, führt derzeit alle Umfragen an und ist mit Abstand aussichtsreichster Kandidat für die Wahlen im nächsten Jahr. Auf eine direkte Anfrage von ZEIT ONLINE antwortet Juppé zwar nicht. Dafür schickt er aber seinen Regierungsprogramm-Koordinator Hervé Gaymard vor, der unter Präsident Jacques Chirac schon Finanz-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsminister war. 

Gaymard wägt sehr genau ab. "30.000 Flüchtlinge, die Frankreich bisher aufnimmt – das ist Pipifax, wir befinden uns in außergewöhnlicher Lage. Jeder muss seinen Teil übernehmen", legt er sich auf eine größere französische Aufnahmebereitschaft unter einem Präsidenten Juppé fest, als sie die Pariser Regierung bislang zeigt. Denn bisher hat Frankreich lediglich die Aufnahme von 30.000 Flüchtlingen zugesagt, und zwar im Rahmen jener EU-Kontingent-Vereinbarung über die Verteilung von 160.000 Flüchtlingen in ganz Europa, die praktisch nicht funktioniert. In Wirklichkeit bedeutet das also, dass Frankreich derzeit kaum mehr Flüchtlinge aufnimmt als in anderen Jahren. Denn von allein kommen nur wenige der vielen Neuankömmlinge seit dem Sommer nach Frankreich. Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit schreckt sie ab.

Gaymard betont zudem, dass die Flüchtlingsfrage zu keiner Zeit zu öffentlich erkennbaren Differenzen zwischen Paris und Berlin führen dürfe. Selbst wenn man intern Kritik habe. "Merkel ist mit ihren Worten zu weit gegangen. Sie hat den Eindruck hinterlassen, dass alle Türen offen stehen. Wir wollen dabei gar nicht ihren Humanismus kritisieren. Nur: So geht es nicht", sagt der Wahlkoordinator Juppés. Ein Präsident Juppé würde so einen Streit allerdings nie in der Öffentlichkeit austragen.

Das tut zwar bisher auch Präsident François Hollande nicht und lässt beteuern, dass Premierminister Valls in München nur im eigenen Namen gesprochen hätte. Doch handelt er auch nicht, als wäre die Lage außergewöhnlich. Im vergangenen September ließ er tausend Flüchtlinge direkt aus München in Zügen einfahren. Das war's dann aber auch schon.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Kanzlerin vom französischen Verbündeten in den letzten Monaten deutlich mehr erhoffte. Doch sie sollte ihn deshalb nicht aufgeben. Die Fürsprecher ihrer Politik in Paris sind entgegen manchem Anschein immer noch zahlreich und einflussreich.