Seit der russischen Offensive gegen die Ukraine fragt man sich im Westen gern, wie weit Putin wohl noch gehen wird. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die heute beginnt, wird diese Frage erneut herumgereicht werden. In Aleppo und Umgebung bombardiert die russische Luftstreitmacht den syrisch-alawitischen und iranischen Milizen den Weg frei, um – wie es in Moskau heißt – "Terroristen zu bekämpfen". Tatsächlich erobern sie die Wohngebiete der sunnitischen Bevölkerung. Die Zahl der vertriebenen Opfer wächst von Tag zu Tag: Das Rote Kreuz spricht schon von 50.000 Flüchtlingen an der syrischen Grenze. 500 Menschen sollen bisher getötet worden sein, davon rund 100 Zivilisten.

Doch als wäre das nicht genug, wächst in dieser Katastrophe eine neue große Frage über die Absichten des russischen Präsidenten heran. In den russischen Medien wird offen über einen neuen Konflikt mit der Türkei diskutiert, der am Ende zu einem gefährlichen Test für die Nato werden könnte. Der russische Very-hard-talk-Master Wladimir Solowjow befragte seine Zuhörer soeben: "Wird es Krieg mit der Türkei geben?" – und viele zeigten sich überzeugt, dass das wohl so passieren werde. Hirngespinste?

Nicht ganz. "Die Truppen im Süden Russlands in Alarmbereitschaft!", titelte die Zeitung Moskowski Komsomolez. Und die offizielle Rossijskaja gaseta machte mit "Volle Gefechtsbereitschaft" auf. Zu Beginn dieser Woche hat Präsident Putin Manöver des südlichen Militärkreises befohlen. Solch eine "Überprüfung der Einsatzfähigkeit" gab es auch im Februar 2014, kurz bevor russische Truppen in die Ostukraine einmarschierten. Nun üben die russischen Streitkräfte am Schwarzen und am Kaspischen Meer. Interessanterweise versicherte das russische Militär dem ukrainischen Generalstab, so schreiben russische Medien, dass die Manöver nicht gegen die Ukraine gerichtet seien. Der türkische Generalstab hat so eine Zusicherung nicht erhalten.

Zwischen der Türkei und Russland sind die Beziehungen am Gefrierpunkt. Sowohl aus türkischen als auch aus westlichen Militärquellen ist zu hören, dass russische Kampfjets zwei Monate nach dem Abschuss eines russischen Suchoi-Jägers durch türkische Abwehr unverdrossen in den türkischen Luftraum vordringen. Zugleich trat in der Türkei der Mörder jenes russischen Piloten öffentlich auf, der sich im November erst mit dem Schleudersitz retten konnte und dann am Boden erschossen wurde. Beide Seiten tun viel, um den Konflikt am Kochen zu halten.

Das zeigt, dass all jene irrten, die den türkisch-russischen Zusammenstoß im Herbst kleinredeten. Es sind die vielen kleinen Grenzverletzungen, die den großen Konflikt deutlich machen: Russland und die Türkei haben einen Grundkonflikt in Syrien, der die beiden Länder immer tiefer in die Eskalation treibt. Russland will den Todfeind der Türkei, das Regime des Diktators Assad, um jeden Preis an der Macht halten. Die Türkei will Putins besten Schützling in Nahost stürzen.

Längst ist ein alter Albtraum der türkischen Regierung wahr geworden. Russische Truppen, die man im Kalten Krieg stets von Norden fürchtete, stehen südlich der Türkei. Dieser Konflikt wird gespeist aus einem explosiven Gemisch von historischen Vorurteilen, entfesselten Staatspropagandisten und dem Hass zweier ähnlich funktionierender Herrscher aufeinander.

Doch will Putin wirklich Krieg mit der Türkei? Zumindest spielt er mit der Option. Derzeit schüchtert er die Türkei und ihren großspurigen Präsidenten Erdoğan ein. Einschüchterung ist Teil der Putinschen Methode. Er sammelt seine begrenzten Ressourcen und Kräfte genau da, wo er sie gerade braucht: derzeit gegen die Türkei. So projiziert er die Angst in die Hirne seiner Gegner.