US-Außenminister John Kerry hat dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad und seinen russischen Verbündeten vorgeworfen, den Konflikt in Syrien militärisch statt politisch lösen zu wollen. Dies zeigten die anhaltenden Angriffe der beiden auf Stellungen der Opposition, sagte Kerry in Genf, wo die Gespräche über eine friedliche Lösung des Konflikts zuvor um drei Wochen vertagt worden waren. Während dieser Zeit dürfe es für "die Welt nur eine Richtung geben", betonte Kerry, "die Unterdrückung und das Leid des syrischen Volkes zu stoppen und diesen Konflikt zu beenden und nicht zu verlängern".

Deutlicher war zuvor noch Kerrys Sprecher John Kirby geworden. Er warf Russland direkt vor, seine Luftangriffe nicht gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) zu richten, sondern "fast ausschließlich" gegen die syrische Opposition. Zum wiederholten Mal gebe es Berichte über getötete Zivilisten, Vertreibungen und Behinderungen humanitärer Hilfe, kritisierte Kirby. Insbesondere die Bombardierung der Stadt Aleppo müsse eingestellt und die dortige Belagerung von Zivilisten beendet werden.

Am Mittwoch war die syrische Armee weiter auf Aleppo vorgerückt, übernahm dabei auch Terrain, das die Rebellen zum Teil seit drei Jahren kontrolliert hatten, und kappte nach eigenen Angaben zudem die letzte Versorgungsroute der Rebellen von der Stadt zur türkischen Grenze. Die Metropole Aleppo selbst ist geteilt: Den Westen kontrollieren Regierungstruppen, den Osten die Rebellen.

"Geht einfach nach Hause"

Dass die syrischen Regierungstruppen zeitgleich zu den Gesprächen ihre Offensive derart vorantrieben, stieß vor allem bei den in Genf verhandelnden Oppositionsgruppen auf Kritik. "Es gibt nichts zu verhandeln. Geht einfach nach Hause", sagte etwa die Unterhändlerin Bassma Kodmani, noch bevor der UN-Syrien-Beauftragte Staffan de Mistura die dreiwöchige Verhandlungspause verkündete. Die Assad-Gegner, allen voran die Delegation des Hohen Verhandlungskomitees (HNC), Syriens wichtigste Oppositionsgruppe, wollen erst wieder nach Genf zurückkehren, wenn "unsere humanitären Forderungen erfüllt sind oder wenn es vor Ort konkrete Fortschritte gibt", sagte HNC-Koordinator Riyad Hidschab.

Ihm zufolge sei die HNC-Delegation nur in die Schweiz gereist, weil sie entsprechende Zusicherungen erhalten habe. Dann sei das Gegenteil eingetreten. Beim humanitären Zugang sei nichts passiert, womit die syrische Regierung für das Scheitern der Gespräche verantwortlich sei. "Die ganze Welt sieht, wer die Verhandlungen zum Scheitern bringt, wer Zivilisten bombardiert und Menschen zu Tode hungert", sagte Hidschab. Dies überschatte auch das positive Signal von zugesagten internationalen Hilfslieferungen in von Regierungstruppen belagerte Orte.

"Keine Alternative zu Verhandlungen"

Unterstützung erhält die syrische Opposition nicht nur von Kerry, sondern auch von der französischen Regierung. Außenminister Laurent Fabius kritisierte die "brutale Offensive" der syrischen Regierungstruppen "mit der Unterstützung Russlands". Ziel der Angriffe sei, "Aleppo und seine Hunderttausenden Einwohner einzukesseln und zu ersticken". Weder die Assad-Regierung noch ihre "Unterstützer" hätten sich wirklich an den Verhandlungen beteiligt. Stattdessen hätten sie die Friedensbemühungen mit ihrem Vorgehen "torpediert".

AFP/Getty
Wer kämpft in Syrien?

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Zerrissenes Land

Mehr als 250.000 Menschen sind in Syrien getötet worden, seit der Konflikt im Frühjahr 2011 als friedlicher Protest gegen die Regierung begann. Das Assad-Regime reagierte mit Gewalt, seine Gegner griffen zu den Waffen – heute herrscht Bürgerkrieg.

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Wer kämpft in Syrien?

Seit Beginn des Bürgerkriegs sind große Teile Syriens der Kontrolle des Regimes entglitten. Sie werden von unterschiedlichsten Milizen gehalten. Auch von außen erfahren die Kriegsparteien Unterstützung, und andere Länder greifen in den Krieg ein.

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AFP/Getty
Das Assad-Regime

Das Assad-Regime

Geschwächt und zurückgedrängt

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Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gab dem syrischen Regime die Hauptschuld für die Vertagung der Syrien-Friedensgespräche. "Es wurde in den letzten Tagen immer deutlicher, wie sehr die Genfer Gespräche belastet wurden durch die Militäroffensive der syrischen Armee bei Aleppo und die fehlende Bereitschaft des Assad-Regimes, tatsächlich humanitären Zugang in den belagerten Städten und Dörfern zuzulassen", sagte er bei einem Besuch in Saudi-Arabien. Dennoch gebe es keine Alternative zu den Genfer Verhandlungen für eine politische Lösung. Jetzt müssten alle Staaten, die im vergangenen Jahr in Wien dafür die Grundlage geschaffen hätten, auf Fortschritte hinwirken.

Auch der UN-Beauftragte de Mistura betonte, die Gespräche seien nicht gescheitert. Dennoch sei nun eine Pause in den Gesprächen angezeigt, um offene Fragen zu klären. "Ich bin nicht enttäuscht, ich bin auch nicht frustriert", sagte de Mistura. Es habe sich jedoch erwartungsgemäß in den Gesprächsrunden seit dem vergangenen Freitag gezeigt, dass es nach fünf Jahren Krieg nicht einfach sein würde. Bis zu einem für alle Seiten akzeptablen Konzept der Verhandlungen gebe es noch sehr viel zu tun.

8,2 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe nötig

Die Genfer Verhandlungen sollen den fünfjährigen Bürgerkrieg in Syrien beenden. Seit dessen Beginn sind mehr als 260.000 Menschen ums Leben gekommen. 4,6 Millionen Syrer flohen nach UN-Angaben vor der Gewalt ins Ausland, weitere 6,6 Millionen Menschen wurden im Land selbst vertrieben. 13,5 Millionen Syrer benötigen humanitäre Hilfe.

An diesem Donnerstag beginnt in London zudem eine internationale Geberkonferenz, um Geld für humanitäre Hilfe zu sammeln. Internationale Hilfsorganisationen hatten erklärt, es werde eine Rekordsumme von an die 8,2 Milliarden Euro benötigt.