Aus Protest gegen eine geplante Rentenreform und Steuererhöhungen sind in Griechenland nach Schätzungen der Polizei landesweit Hunderttausende auf die Straßen gegangen. Bis zum Nachmittag kam es vereinzelt zu Ausschreitungen. Es sei eine der größten Protestaktion seit Jahren, werteten griechische Medien übereinstimmend. Fast alle Berufsgruppen beteiligten sich an dem Ausstand. Zehntausende Demonstranten marschierten durch das Zentrum Athens sowie anderer Städte wie Thessaloniki, Patras, Iraklion und Volos.

Bei der zunächst friedlichen Demonstration in Athen sorgten rund 500 vermummte Jugendlichen für Unruhe. Sie warfen Brandsätze in die Reihen der Polizei, die Beamten antworteten mit Blendgranaten und Tränengas, wie Augenzeugen berichteten. Hunderte andere friedliche Demonstranten flüchteten daraufhin in die Nebenstraßen im Zentrum Athens.

Bestreikt werden unter anderem Ministerien, Schulen und der Bahnverkehr. In vielen Fällen demonstrierten Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie Freischaffende zusammen. Händler gingen zusammen mit ihren Angestellten auf die Straße. Zudem streikten Seeleute, die Angestellten der Müllabfuhr, Landwirte, Prokuristen und Ingenieuren. Einige Inlandsflüge zu kleineren Inseln fielen aus, internationale Verbindungen sollen nicht betroffen sein. In Piräus lief keine Fähre aus, Landwirte blockieren wichtige Straßenverbindungen. Die Ärzte in staatlichen Krankenhäusern behandeln nur Notfälle, auch die meisten Apotheken und Läden bleiben geschlossen. Da auch die Rechtsanwälte streiken, haben zudem die Gerichte ihre Arbeit eingestellt.

Um die Mittagszeit sind in Athen und anderen Städten zudem Demonstrationen geplant. Aus Angst vor Ausschreitungen zeigte die Polizei im Zentrum der Hauptstadt bereits am Morgen starke Präsenz. "Hände weg von unseren Renten", riefen die Demonstranten. "Der Arbeitsminister soll seine Familie mit 360 Euro im Monat ernähren", hieß auf einem Transparent.



Breite Ablehnung der Reformen

Die Pläne der Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras sehen unter anderem Kürzungen von neuen Renten um durchschnittlich 15 Prozent und erhebliche Einbußen auch bei den Landwirten vor. Die Freischaffenden würden ebenfalls stärker belastet. Dadurch soll das Minus von 800 Millionen in der Rentenkasse reduziert werden. Sowohl Sozialisten als auch Konservative fürchten allerdings, dass die höheren Abgaben die Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung fördern könnten.

Tsipras hatte die Pläne zuletzt verteidigt. "Die Rentenreform ist notwendig – nicht in erster Linie, weil die Gläubiger sie verlangen, sondern weil das System nicht tragfähig ist", sagte der Ministerpräsident. "Wir haben hier ein Problem, das irgendwann explodieren wird, wenn wir nichts tun." In Athen wird spekuliert, dass das Renten-Reformprogramm nur ganz schwer vom Parlament gebilligt werden könnte. Viele Abgeordnete wurden nämlich bereits von ihren Wählern ausgefordert, der Reform nicht zuzustimmen. Tsipras Regierung hat nur eine Mehrheit von drei Abgeordneten.