Sein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ist für Horst Seehofer ganz bestimmt keine "Nebenaußenpolitik" – das darf man ihm ruhig abnehmen. Wenn es den Ministerpräsidenten aus München in dieser Woche nach Moskau zieht, dann aus demselben Grund, der ihn so oft nach Berlin führt oder im vergangenen Jahr ins saudische Riad und andere wüste Orte: bayerische Interessenpolitik. Da hat er im Zweifel schon mal eher die Arbeitsplätze beim Panzerbauer Krauss-Maffei Wegmann im Kopf, als dass Menschenrechte ein vorrangiges Gesprächsthema wären. Solche Ausflüge in die Welt mögen verständlich sein, wenn der eigene Horizont sonst nur bis zur Grenze des Freistaats reicht, außenpolitisch gedacht wären sie in der Tat daneben.

Was die Reise nach Moskau angeht, ist vonseiten der Bundesregierung zu hören, Seehofer habe sich eng mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier abgestimmt. Mit beiden habe er telefoniert. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, klingt dabei durchaus dankbar, wenn er hervorhebt: "Steinmeier hat in dem Gespräch Gelegenheit bekommen, die Politik der Bundesregierung Russland gegenüber mit Blick auf die Ukrainekrise zu erläutern, auch andere Fragen." Er nehme an, dass dabei auch die Frage der Sanktionen zur Sprache gekommen sei. Gegen die hat Seehofer schon lange etwas und zweifelte auch vor der Reise ihre Wirksamkeit wieder an. Die exporthungrige bayerische Wirtschaft hört das gern.

Der Eindruck, hier betreibe ausgerechnet der stärkste Gegner von Merkels Umgang mit der Flüchtlingskrise Außenpolitik auf eigene Rechnung, soll offenbar vermieden werden. "Nichts Außergewöhnliches" will Regierungssprecher Steffen Seibert an dem Besuch in Moskau finden. Es sei "ganz normal, dass Ministerpräsidenten auch im Ausland für die Interessen ihrer Bundesländer werben". Die Kanzlerin habe ja auch bekanntermaßen vielfältige regelmäßige Kontakte mit Putin – "insofern wird in diesem Fall jedenfalls kein Botschafter benötigt".

Dazu noch der Verweis auf Bayern als Partnerregion Moskaus, auf die Zuständigkeit der Bundesländer für Kulturpolitik und Wirtschaftsförderung – die Regierung macht unmissverständlich klar, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist: Seehofer spricht nur für Bayern.

Aus der Perspektive des bayerischen Ministerpräsidenten klingt das alles freilich etwas internationaler. Schon als er das Treffen mit Putin ankündigte, stellte er fest: "Wir haben genug zu bereden: die Flüchtlinge und die Bekämpfung der Fluchtursachen, die Sicherheitslage in vielen Regionen der Welt und natürlich den Zusammenhang Ukraine und Sanktionen." Als warte man im Kreml nur darauf, gemeinsam mit dem Bayern die Probleme der Welt endlich in den Griff zu bekommen. Diesmal wird es ein sehr kleiner Kreis sein, das Programm dicht. Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur werden vor allem bei einem zweiten Russland-Besuch Seehofers mit großer Delegation ihren Platz haben.

Wenn es jetzt in der Frage der Flüchtlingskrise und ihrer Ursachen um Syrien geht, wird nicht Seehofer plötzlich erreichen, dass Putin seine brutale Unterstützung für den Diktator Assad aufgibt und eine konstruktive Rolle bei der Suche nach einer politischen Lösung spielt. Und der Bayer mag als Sprachrohr der heimischen Wirtschaft ein Gegner der gerade erst verlängerten Sanktionen sein, die wegen des Krieges gegen die Ukraine und der Annexion der Krim verhängt worden sind – helfen kann er dem russischen Präsidenten in dieser Hinsicht vorerst nicht, solange der den Konflikt dort weiter auf Sparflamme hält. Da dürfte es für Seehofer diesmal eher um die Pflege guter Kontakte gehen, um vorn dabei zu sein, wenn man wieder miteinander ins Geschäft kommen kann.

Dabei würde es vermutlich nur stören, die heiklen Themen anzusprechen. Der Mord an Alexander Litwinenko ist lange her und hat ebenso wenig mit Bayern zu tun wie vieles andere Hässliche. Man muss so einem Autokraten ja auch nicht ständig alles unter die Nase reiben, was das Verhältnis belastet. Schon gar nicht, wenn man in dessen staatlicher Propaganda schon fast einen Partner sehen muss, der dieser Tage eben auch das Ziel hat, die Kanzlerin zu beschädigen.

Putin hat schon lange begriffen, dass Angela Merkel die einzige ist, die Europa in seiner eindeutigen Haltung zu Russland zusammenhalten kann. Er nutzt jede Möglichkeit, um sie zu schwächen. Seine gelenkten Medien kosten den Widerstand genüsslich aus, den ihre Flüchtlingspolitik am rechten Rand wie auch in der Mitte ihrer eigenen Koalition erfährt, allen voran von CSU-Chef Seehofer. Sie befeuern, wie im Fall der eben nicht von Migranten vergewaltigten 13-jährigen Russlanddeutschen in Berlin, bei jeder Gelegenheit Ressentiments. Die Flüchtlingskrise, die ja auch Russland mit seinen Bomben in Syrien verschärft hat, spaltet Deutschland wie Europa – dem Kreml kann das nicht schnell genug gehen. Die Unterstützung rechtsradikaler Kräfte oder der Verdacht, hinter dem Hacker-Angriff auf den Bundestag zu stecken, sind nur weitere Teile dieses Puzzles, das ein Bild eines wahren Krieges ergibt.

Das ist der Zusammenhang, der die schlimmsten Befürchtungen hervorbringt, wenn Seehofer den Schulterschluss mit Putin sucht. Nicht weil der bayerische Ministerpräsident gewillt oder in der Lage dazu wäre, Putin für seine eigenen Ziele zu instrumentalisieren. Sondern weil er andersherum Gefahr läuft, dem Kreml über die Achse München-Moskau als nützlicher Idiot einen weiteren Hebel in die Hand zu geben, mit dem er seinen Einfluss in Deutschland ausweiten kann. Seehofer muss bayerische Interessen gegen deutsche abwägen – eine Aufgabe, um die sich kein erfahrener Außenpolitiker reißen würde.