Das Vorhaben der vier Visegrad-Staaten, die Balkanroute stärker gegen Flüchtlinge abzuriegeln, wird in der europäischen und internationalen Presse kontrovers diskutiert. Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei hatten am Montag angekündigt, notfalls einen Zaun an der mazedonisch-griechischen Grenze zu bauen, um Flüchtlinge abzuwehren. Ein Affront gegen Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik – kurz vor dem EU-Gipfel am Donnerstag in Brüssel.

Die Tageszeitung La Croix aus Frankreich beschreibt grundsätzlich Angela Merkels derzeitige Position: "Die mächtigste Frau der Welt, wie sie das amerikanische Forbes-Magazin genannt hat, war noch nie so isoliert. In ihrem Land wie in der Europäischen Union hat Angela Merkel Schwierigkeiten, Verbündete ihrer Flüchtlingspolitik zu finden. Nach zehn Jahren im Kanzleramt erlebt sie die schwerste Krise ihrer Karriere. (…) Die Quasi-Einhelligkeit gegen sie in Zentraleuropa macht ihr zu schaffen."

Die konservative französische Zeitung Le Figaro kommentiert ebenfalls Angela Merkels Position: "Die Kanzlerin steht in der Krise wie eine Angeklagte da: Ihre europäischen Partner werfen ihr die Politik der Öffnung vor und das Klima, das sie geschaffen habe. Am Montag haben Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei beschlossen, eine Abriegelung der Balkanroute zu diskutieren. Selbst Frankreich hat sich von Deutschland distanziert."

Westbalkanroute - Der beschwerliche Weg in Richtung Asyl Seit Anfang des Jahres sind über 100.000 Flüchtlinge über die Westbalkanroute nach Europa gekommen. Die Europäische Union ringt um die Verteilung der mehr als eine Million Schutzsuchenden, die 2015 kamen.

Die linksliberale Tageszeitung Pravda aus der Slowakei relativiert die Differenzen zwischen der Visegrad-Gruppe und der deutschen Asylpolitik: "Wenn die Visegrad-Staaten vorschlagen, die Kontrollen an der mazedonisch-griechischen und bulgarisch-griechischen Grenze zu verstärken, bedeutet das nicht mehr, als eine zusätzliche 'Verlangsamung' in die Flüchtlingsbewegung einzubauen. So eine Bremse richtet sich nicht gegen die deutsche Vorstellung, Nato-Schiffe in der Ägäis einzusetzen. Sie ist vielmehr eine Ergänzung dazu, die Schengen nützt und zugleich zur Stabilität des Balkans beiträgt."

Die konservative Zeitung Lidové noviny aus Tschechien kommentiert: "Der traurigste Aspekt am missglückten Visegrad-Trotzanfall ist eigentlich, dass die Grundeinschätzungen richtig sind. Griechenland bekommt die Registrierung der Flüchtlinge tatsächlich nicht in den Griff. Und die Türkei unternimmt nichts, um den Zustrom von Tausenden auf Hunderte täglich abzubremsen. Sobald sich Österreich und früher oder später auch Deutschland auf eine Obergrenze festlegen und die Flüchtlinge festsitzen, wird die Westbalkanroute zu einem explosiven Kessel. Wenn es zu einem solchen Überdruck kommt, wären die Visegrad-Staaten als Einzige in der Lage, Dampf abzulassen."

Die linksliberale Tageszeitung Népszabadság aus Ungarn hebt hervor, dass die eigentliche Auseinandersetzung erst beim EU-Gipfel am Donnerstag stattfindet: "Das von vielen erwartete Einschwenken auf einen Kurs der offenen Konfrontation zur Flüchtlingspolitik von Angela Merkel blieb diesmal aus. (…) In Prag sahen und hörten wir fein herausgeputzte Regierungschefs, die sich ihre Positionen nicht durch Herumkrakeelen verderben wollten. Selbst über die (von ihnen entschieden abgelehnten) Flüchtlingsquoten verloren sie öffentlich kein Wort. Die eigentliche politische Schlacht wollen sie auf dem (unmittelbar bevorstehenden) EU-Gipfel schlagen. (…) Dort wird sich herausstellen, ob die Visegrad-Vier wirklich so geschlossen sind, wie sie sich in Prag darstellten."

Auch die US-amerikanische New York Times stellt die Einigkeit der vier Länder infrage. "Die Visegrad-Gruppe, vor 25 Jahren eingerichtet, um die europäische Integration voranzutreiben, hat am Montag ihren Geburtstag gefeiert. Aber erst kürzlich hat sie ein gemeinsames Ziel gefunden: die Weigerung, eine signifikante Zahl von Migranten aufzunehmen. Dieser Entschluss hat die Gruppe ermutigt. Sie ist einer der neuen Miniblöcke, die derzeit in Europa entstehen, angesichts der chaotischen, unangemessenen Antwort des Kontinents, angesichts der größten Migrationskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Visegrad-Gruppe wird zu einer Kraft, die die Pläne der deutschen Kanzlerin Angela Merkel bedroht."