Für den britischen Daily Mirror ist er der derzeit attraktivste Politiker der Welt, für die New York Times das Gesicht eines nun plötzlich "hippen" nördlichen Nachbarlandes und für die New York Post schlicht "der JFK Kanadas": Justin Trudeau, der neu gewählte kanadische Premierminister. Seit dieser vor 100 Tagen die Regierungsgeschäfte in Ottawa übernommen hat, überschlagen sich kanadische und internationale Medien vor Begeisterung.

Auch in Meinungsumfragen steht der 43-jährige Trudeau blendend da. Im Oktober hatte seine Liberale Partei durch den Sieg über Stephen Harper ein Jahrzehnt konservativer Vorherrschaft beendet und noch immer liegt sie stabil jenseits der 50-Prozent-Marke. Noch besser fallen Trudeaus persönliche Zustimmungswerte aus: Volle 40 Prozentpunkte steht er aktuell vor jedem Kontrahenten. In einer vergleichenden Meinungsumfrage lief er jüngst sogar allen sechs Amtsvorgängern den Rang ab – darunter seinem eigenen Vater. Pierre Trudeau hatte Kanada zwischen 1968 und 1984 zweimal als Premier regiert und – wie der Sohn heute – schon damals für eine erste Phase der Trudeau-Manie gesorgt.

Der politische Aufstieg Trudeaus war alles andere als ein Selbstläufer, trotz des prominenten Vaters. Wirkliche nationale Aufmerksamkeit erlangte er erst durch eine viel beachtete Trauerrede am Grab seines Vaters, die ihn schließlich nicht nur ins Parlament, sondern auch an die Spitze der Liberalen Partei führte. Der Seiteneinstieg stieß auf Kritik: Trudeau junior galt als leichtlebig und unseriös. "Just not ready" lautete denn auch der Wahlkampfslogan seiner Gegner im zurückliegenden Wahlkampf. Heute sitzen die Spötter auf den Oppositionsbänken.

Das Erfolgsgeheimnis Trudeaus: ein Politikstil, der sich fundamental von dem seines Vorgängers unterscheidet. Statt auf staatstragende Unnahbarkeit setzt Trudeau auf jugendlichen Optimismus, Wandel und legere Bürgernähe. Und die kommt an.

Bereits am Tag nach seinem Wahlsieg brach er mit dem Protokoll und improvisierte ein Shakehands mit U-Bahn-Pendlern in Montreal – ganz ohne Personenschutz. Den Kinostart des neuen Star-Wars-Films beging Trudeau in einer exklusiven Sondervorführung – allerdings nicht im Kreis der Familie, sondern gemeinsam mit schwer kranken Patienten des Kinderkrankenhauses Ottawa.

Nicht nur symbolische Schritte

Ähnlich engagiert nahm der Premierminister im Dezember syrische Flüchtlinge höchstpersönlich am Flughafen in Empfang – zu nachtschlafender Zeit und nicht, ohne die Geflüchteten enthusiastisch als kanadische Neubürger "zu Hause" zu begrüßen. In einem Seitenhieb auf seinen Amtsvorgänger, der im Wahlkampf auf antimuslimische Stimmungsmache gesetzt hatte, genehmigte sich Trudeau dabei ganz wie die Bundeskanzlerin das eine oder andere Selfie – von einem glamourösen Fotoshooting für das US-Fashion-Magazin Vogue ganz zu schweigen.

Doch der aktuelle Politikwechsel Kanadas geht über symbolische Schritte hinaus. Die ersten 100 Tage Trudeaus haben auch zu konkreten Veränderungen geführt: So ging der neu gewählte Regierungschef umgehend sein Wahlversprechen einer Steuerreduzierung für mittlere Einkommen an – inklusive einer Erhöhung für Großverdiener. In sein Kabinett berief er wie versprochen 50 Prozent Frauen, nur um diesen selbst in Kanada beispiellosen Schritt auf Nachfrage als Selbstverständlichkeit darzustellen – schließlich lebe man "im 21. Jahrhundert".

Ebenfalls bereits umgesetzt: eine vorab angekündigte Aufstockung der humanitären Hilfe für das UN-Flüchtlingshilfswerk, eine Reform der in Verruf geratenen Nominierung für den Senat und eine viel beachtete Initiative zur Untersuchung von Gewaltverbrechen gegen meist weibliche kanadische Ureinwohner. Auf mehr Transparenz setzt Trudeau dabei auch in der eigenen Verwaltung. Den öffentlichen Maulkorb, den sein Amtsvorgänger nicht zuletzt Klimaforschern im Dienste der Regierung verpasst hatte, hob Trudeau auf – zum Jubel der Betroffenen.

Auf internationaler Ebene setzte sich Trudeau bei den Klimaverhandlungen in Paris bewusst von seinem ölverliebten Vorgänger ab und verkündete die Rückkehr des Landes zum Klimaschutz. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sorgte er hingegen mit der Forderung für Beachtung, die Welt solle nicht nur kanadische Bodenschätze, sondern vor allem den Erfindungsreichtum seiner Heimat beachten. Im Anschluss gab's ein Bier mit Bono, Kevin Spacey und Leonardo DiCaprio – ebenfalls sehr zum Gefallen der Medien.