Wiedersehensfreude kommt bei dem hageren Rückkehrer keine auf. Ratlos schweift der Blick von Safet Gerguri über die Hühner, die vor seinem baufälligen Haus im kosovarischen Dorf Studime gackern. 13 Monate nach seinem Aufbruch in ein vermeintliches besseres Leben ist der 36-jährige Familienvater um seine beiden verkauften Kühe und das verscherbelte Auto ärmer – und eine teure Auswander-Erfahrung reicher.

3.500 Euro habe seine fünfköpfige Familie die Reise nach Deutschland gekostet, sagt der derzeit arbeitslose Landarbeiter: "Hier muss ich fast fünf Jahre arbeiten, um zu verdienen, was ich bei der Reise ausgegeben habe." Doch er bereue nicht, dass er gegangen sei, versichert der Kosovo-Albaner: "Ich bedaure nur, dass ich dort nicht bleiben und arbeiten konnte."

Die Abstimmung mit den Füßen kam ohne Ankündigung. Selbst eisiger Wind und Schneewehen konnten die hastigen Auswanderer nicht aufhalten. Zehntausende junger Kosovo-Albaner machten sich im vergangenen Winter mit Bussen und Taxis aus Prishtinë zu Serbiens grüner Grenze mit Ungarn auf. Auf 70.000 bis 100.000 Menschen wurde die Zahl geschätzt, die innerhalb weniger Wochen das Land verließen – fast fünf Prozent der Bevölkerung.

"Fast alle Jungen überlegten, ob sie gehen sollten. Die Leute erzählten, dass in Deutschland Arbeitskräfte gesucht würden, sich dort eine Lösung finden ließe", beschreibt der Kellner Valdet Vilance in der Provinzstadt Vushtrri die damalige Atmosphäre. Er sei deprimiert, ohne Perspektiven und ohne Arbeit gewesen, erklärt der 21-Jährige. Deshalb hatte er sich wie viele andere am 28. Januar 2015 in einen der überfüllten Busse gedrängt.

Rückkehr mit leeren Händen

Acht Stunden marschierte er im Schneetreiben zu Fuß über Ungarns grüne Schengen-Grenze. In Frankfurt beantragte er Asyl, in Hamburg harrte er sechs Monate in einem Flüchtlingsheim aus, bis er den negativen Bescheid erhielt. Im August kehrte Valdet aus Deutschland "freiwillig" mit leeren Händen und einem Schuldenberg zurück. 2.000 Euro habe ihn die versuchte Auswanderung gekostet. Von den 170 Euro, die er nun im Monat als Kellner verdiene, gingen 100 an seine Geldgeber: "Bleibt eine Rate aus, hat man Ärger. Es ist einfach eine Katastrophe." Nein, er bereue es nicht, gegangen zu sein: "Ich habe wenigstens versucht, wegzukommen. Und träume jede Nacht davon, wieder wegzugehen."

Es waren heimatmüde Kosovo-Albaner, die mit ihrem Exodus gen Westeuropa vor Jahresfrist den Flüchtlingskorridor der sogenannten Balkanroute ebneten. Arbeit und ein besseres Leben hatten sie sich in der Fremde erhofft. Ernüchtert und tief verschuldet sind die meisten heimgekehrt. Perspektiven sehen sie im Kosovo kaum: Die meisten wollen wieder weg.

5.000 der 70.000 Einwohner hatten sich vor einem Jahr in der Hoffnung auf einen Job nach Deutschland aufgemacht: Über die Hälfte sind nach Auskunft des Stadtsprechers bereits wieder zurück. Verbessert hat sich für sie die Situation im Kosovo keineswegs. Acht Jahre nach der Unabhängigkeit haben viele die Hoffnung auf bessere Zeiten längst verloren.

Auch in Vushtrri sind die Cafés voll mit ratlosen Beschäftigungslosen. Offiziell liegt Kosovos Jugendarbeitslosigkeit bei 55 Prozent, geschätzt wird sie auf bis zu 70 Prozent. Sechs Jahre habe er nach dem Abitur als Lagerarbeiter in Prishtinë gearbeitet, doch nach dem Bankrott seines Arbeitgebers keinen Job mehr finden können, sagt der 26-jährige Ahmed Ukaim im Café Mandarina. "Als ich im Fernsehen die Aufnahmen mit den vollen Bussen sah, begann ich auch über Auswanderung nachzudenken. Geld hatte ich nicht. Aber Freunde und Angehörige legten zusammen. Und so fuhr ich."

Unrealistische Erwartungen

Ein Schiffsmodell ziert den Schreibtisch, ein Plastikflugzeug die Bürowand. Der Verkauf von Tickets in die ganze Welt ist eigentlich das Geschäft von Besart Halili. Aber dennoch verweigerte sich der Miteigentümer des Reisebüros Soni Tours in Vushtrri vor Jahresfrist dem potenziellen Geschäft seines Lebens. Schon im November 2014 habe er gemerkt, dass mit der vermehrten Nachfrage nach Bustickets nach Serbien etwas "nicht stimme" – und deren Verkauf eingestellt. "Wir wollten illegale Ausreisen nicht unterstützen."

Zwei Monate lang habe er täglich 100 bis 150 Kundenanfragen-Anfragen abgelehnt, erzählt der 29-Jährige. Er spielt auf dem Handy Aufnahmen der Konversationen mit abgewiesenen Kunden vor. "Mit jedem Fahrschein hätten wir fünf Euro, also täglich mindestens 500 Euro verdient." Doch er sei gegen den Exodus gewesen. Er hielt ihn für falsch und unsinnig. Eine gute Seite habe dieser dennoch, so Halili: "Viele dachten zuvor, dass man in Deutschland automatisch Arbeit und Wohnung erhalte. Nun haben die Leute wenigstens ein realistischeres Bild, was Europa ist – und wie das Leben dort funktioniert."

Alle seine Erwartungen seien während seiner Zeit im schwäbischen Ehingen enttäuscht worden, sagt Ahmed Uka. "Aber ich lernte, Deutschland und Europa zu verstehen, und das, was dort passiert." Auch habe er gelernt, was für ein Land Ungarn sei. "Die ungarische Polizei schlug uns und traktierte uns so aggressiv und unmenschlich, als wären wir Tiere. Es schien fast, als ob sie einen Krieg gegen uns führten."

Westbalkanroute - Der beschwerliche Weg in Richtung Asyl Seit Anfang des Jahres sind über 100.000 Flüchtlinge über die Westbalkanroute nach Europa gekommen. Die Europäische Union ringt um die Verteilung der mehr als eine Million Schutzsuchenden, die 2015 kamen.