Jetzt spüren auch die Herrschenden, wie heiß ihr Spiel mit dem Krieg werden kann. Der Anschlag von Ankara mit mindestens 28 Toten zielte direkt auf das Zentrum der Macht, mitten ins Dreieck von Parlament, Verteidigungsministerium und Militärakademie. Hier, wo auch in ruhigen Zeiten alle 50 Meter ein Polizist oder Geheimdienstmann steht, gelang den Attentätern ihr mörderischer Plan.

Es ist der zweite große Anschlag in diesem Jahr. Krieg und Konflikte sind die beherrschenden Themen im Land. Die Touristen bleiben weg. Die Inflation galoppiert, die Wirtschaft des Landes ist im freien Fall. Die Türkei, mit der Angela Merkel die Flüchtlingskrise in geordnete Bahnen bringen will, wird zum Notfall für den Westen.

Die Regierung und ihr Präsident Recep Tayyip Erdoğan zeigten sofort nach dem Anschlag auf die türkisch-kurdische PKK-Organisation. Doch da die Hand schon mal ausgestreckt war, zeigten die Finger gleich auch auf die syrisch-kurdische PYD und ihre Milizen in Nordsyrien. Die PKK kann möglicherweise dahinter stecken, weil der Anschlag den türkischen Zentralbehörden galt. Das passt zum blutigen Muster ihrer Terrorguerilla. Ein PYD-Anschlag ist jedoch weniger wahrscheinlich, weil die syrischen Kurden sich damit selbst am meisten schaden würden. Noch liegt der Hintergrund im Dunkeln.

Erdoğan vergiftet sein eigenes Land

Die Beschuldigungen Richtung Syrien wirken viel mehr so, als suche Erdoğan nach einem Anlass, in Syrien einzugreifen. Darin und nicht allein in Terroranschlägen liegt der Grund, warum man sich ernsthaft Sorgen um die Türkei machen muss. Der Präsident verquickt schon länger die Innenpolitik mit dem Krieg in Syrien. Er vergiftet so sein eigenes Land.

Vergangene Woche ließ er seine Artillerie aus der Türkei auf kurdische Milizen in Syrien schießen. Die sind südlich der Grenze dabei, einen von der syrischen Opposition gehaltenen Ort zu erobern. Die Kurden wollen ihre Gebiete in Nordsyrien entlang der türkischen Grenze verbinden. Sie wollen ihren eigenen Staat aus den Ruinen Syriens bauen. Zumindest aber wollen sie eine Autonomie. Erdoğan versucht genau das zu verhindern.

Es ist ein Krieg im Kriege, der längst internationale Dimensionen bekommen hat. Die Nato-Verbündeten, vor allem die USA, warnen die Türkei, nicht in Syrien militärisch einzugreifen. Der türkische Sonderkonflikt mit den syrischen Kurden stört den Antiterrorkrieg gegen den IS. Er verhindert auch eine einheitliche Position gegen den brutalen Krieg der Russen und schiitischen Milizen aufseiten des Diktators Baschar al-Assad.

Doch tun die syrischen Kurden auch alles, um die Türkei zu provozieren. Sie greifen die Anti-Assad-Opposition an, die von den Golfstaaten und der Türkei unterstützt wird. Sie haben ein Büro in Moskau eröffnet, ausgerechnet beim neuesten Todfeind von Erdoğan. Präsident Putin lässt es sich nicht nehmen, die Türken maximal zu reizen. Kurdische Milizen können nun in Syrien hinter der Todesspur russischer Bomber Land erobern, ähnlich wie die iranisch-schiitischen Truppen für Assad. Putin päppelt die kurdische Autonomie in Syrien, um Ankara zu ärgern. Die Falle für Erdoğan steht weit offen.

Den Weg ebnen für einen "Verteidigungsfeldzug"

Der türkische Präsident aber scheint nicht sehen zu wollen, in welches nationale Unglück er sein Land in Syrien noch führen könnte. Die Schüsse gegen die Kurden an der Grenze sind da noch harmlos. So wie die Granaten, die immer mal wieder in der mit Flüchtlingen überfüllten Grenzstadt Kilis einschlagen. Nein, die Gefahr ist ein türkisches Abenteuer.

Je öfter türkische Politiker behaupten, der Anschlag von Ankara sei das Werk der PYD gewesen, umso mehr ebnen sie den Weg für einen "Verteidigungsfeldzug" in Syrien. Der aber würde die Türkei in eine direkte Konfrontation mit Russland bringen. Denn schließlich hat Putin für sich und Diktator Assad ja die zentrale Türsteherrolle in Syrien reklamiert. Wer nicht eingeladen ist, bekommt es mit Putins Kampfbombern zu tun.

Das Gebräu von Kriegsgeheul, Terroranschlägen und Wirtschaftskrise macht die Türkei zum Notfall. Das Land kommt im Innern und nach außen vom Kurs ab. Erdoğan liefert ein Muster für alle Politlaien, die meinen, dass nur eine harte Hand ein schwieriges Land in festen Bahnen halten könne. Das Gegenteil ist richtig: Autoritäre Herrschaft und Machoführung sind die Vorstufe zum Chaos.