Wenn das Leben als Held eine besondere Gabe ist, dann ist das Heldenleben bis ins hohe Alter eine seltene Gnade. Mutter Teresa hat sie erfahren, Nelson Mandela womöglich auch, der Solidarność-Führer Lech Wałęsa aber ganz sicher nicht.

In diesen Tagen wird der 72-jährige Wałęsa, Elektriker, Vater von acht Kindern, Führer der Gewerkschaft Solidarność und früherer polnischer Präsident, wieder heftig angegriffen. Nach dem Tod von Czesław Kiszczak, der als Innenminister maßgeblich für das Kriegsrecht im Winter 1981 verantwortlich war, sind Akten aus dessen Privatbesitz aufgetaucht. Ihre Authentizität muss noch geprüft werden, aber sie legen nahe, dass Wałęsa nach der blutigen Niederschlagung der Arbeiterstreiks 1970 mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet hat und dafür Geld erhielt. 1976 beendete er die Zusammenarbeit, verlor seine Arbeit und wurde zum Anführer einer Bewegung, die das kommunistische Regime in die Knie zwang.

Seit Langem wird Wałęsa von Historikern und früheren Weggefährten vorgeworfen, als Agent "Bolek" Anfang der 1970er Jahre mit dem Regime zusammengearbeitet zu haben. Wałęsa hat bislang nur eingeräumt, irgendwann, als sie ihn wieder festgenommen haben, etwas unterzeichnet zu haben – aber niemals Spitzel gewesen zu sein. Die Akten würden deshalb nicht wirklich etwas Neues beweisen. Aber ihre Publikation fällt in eine Zeit, in der eine neue (alte) Machtelite sich daranmacht, mit dem "alten System" abzurechnen. Das alte System besteht für diese Elite aus Seilschaften, aus Korruption und moralischer Verkommenheit. Der friedliche Übergang von der Diktatur zur Demokratie – ein schmutziges Geschäft am runden Tisch, eine fortbestehende Herrschaft der Kommunisten mit anderen Mitteln. Und nun wissen wir auch, warum.

Die dritte Republik "basierte auf Erpressung, auf Lügen, darauf, Menschen zu willfährigen Geheimdienstlern zu machen", meint der Verteidigungsminister Antoni Macierewicz. Polens Erfolgsgeschichte der vergangenen 26 Jahre? Eine Lüge, die von Medien und Politikern als Wahrheit verkauft wurde. Lech Wałęsa ist noch immer das lebende Denkmal dieser Republik. Deshalb zielen die Angriffe nun auf ihn persönlich. Es geht um weit mehr als um eine Personalie. Es geht um eine Ideologie des Machterhalts.

Wałęsa ist nicht gut darin, sich zu verteidigen. Er behauptet, seine Unterschrift sei gefälscht; insinuiert verwirrend, dass es da eine Geschichte geben könnte, aber nicht diese. In all den Jahren hat er keine Gelegenheit ergriffen, sich aufrichtig zu erklären, als könnte jedes Eingeständnis sein Heldenbild zerstören. Dabei hat dieses Bild kaum jemand stärker demontiert als Lech Wałęsa selbst.

Er ist ein herrischer und selbstgerechter Mensch. Interviews können bisweilen peinigend oder verstörend kurz sein, wenn er beleidigt davonrauscht oder mitten in der Frage den Telefonhörer auf die Gabel knallt. Nachdem Wałęsa 1990 zum Präsidenten gewählt wurde, zeigte er seinen Hang zum Autoritären. Er sah sich als "starker Hausherr", der meinte, am besten zu wissen, was die junge polnische Demokratie bräuchte – selbst wenn er damit demokratische Verfahren beschädigte. In den vergangenen Jahren polterte er voll Verachtung gegen Schwule. Und doch bleibt Lech Wałęsa eine der bedeutendsten Figuren der jüngeren polnischen Geschichte.

Man könnte, man müsste über vieles diskutieren. Darüber zum Beispiel, ob Wałęsas egozentrische Art die Verdienste seiner Weggefährten wie Anna Walentynowicz oder Henryka Krzywonos verdrängte, ob 1992 die Chance verpasst wurde, die Archive zu öffnen und ob es jetzt, 26 Jahre nach dem Ende des Kommunismus, ein Griff in den Giftschrank wäre. An welchen Defekten die Republik in den Anfangsjahren litt und an welchen sie noch immer leidet. Stattdessen aber stellen die Kritiker, die jetzt an der Macht sind, mit Furor die Systemfrage.

Die Sehnsucht nach reinen Helden und eindeutigen Revolutionen ist ja irgendwie menschlich. Ein wenig erinnert es an die verschwörerische Meinung einiger "Reichsbürger", die Bundesrepublik sei nie souverän gewesen, sondern ein von den Amerikanern beherrschtes Verwaltungskonstrukt, da zählt auch der Mauerfall nichts. Oder die Proteste auf dem Maidan in der Ukraine: Wie können sie für Werte stehen, wenn auch Rechtsradikale daran teilnahmen? Also wird aus einem Protest, der von Arbeitern, Professoren, Studenten und Krankenschwestern getragen wurde und dann tragischerweise eskalierte, ein von Amerikanern gekaufter und von Faschisten ausgeführter Aufstand. Und nun der Regimewechsel in Polen – eine Absprache der Mächtigen.

Eine manichäische Sichtweise verrät sich hier: Hier die Guten, dort die Bösen, hier das Weiße, dort das Schwarze und am besten werden künftig Revolutionen mit genügend Vorlauf angemeldet und von Verfassungsrechtlern geprüft, die Ergebnisse schriftlich fixiert und vom Notar beglaubigt.

 Anerkennung verdient, wer sich in den entscheidenden fünf Minuten im Leben erhebt und einsteht für seine Überzeugungen. Das hat Lech Wałęsa getan. Er wird deshalb immer eine große Figur der polnischen Geschichte bleiben. Eine, an der man sich abarbeiten kann, aber die man für ihre Leistungen respektieren sollte.

Sicher, wer sich selbst als verkannt wahrnimmt, den kann die eigene Eitelkeit schon mal dazu antreiben, abrechnen zu wollen. Und wer sich als Zuschauer immer nur auf die moralisch sichere Seite stellt, der hat den besten Platz erwischt: Er kann sich nicht täuschen, er wird nie falsch liegen. Ein Leben im Konjunktiv, eines, das davon handelt, was man getan hätte oder tun würde, macht es ungemein leicht, Urteile von bestechender Eindeutigkeit zu fällen.