Wann immer man auf den Nahen und Mittleren Osten blickt, denkt man, schlimmer kann es kaum noch kommen. Doch dann treffen die nächsten düsteren Nachrichten ein. Die Truppen des Schlächters Assad, unterstützt von massiven russischen Luftschlägen, starten eine neue Offensive gegen das längst in Trümmern liegende Aleppo. Saudi-Arabien überlegt, Bodentruppen nach Syrien zu entsenden, die dort gegen den "Islamischen Staat" kämpfen sollen – und die Frage steht im Raum: Wird aus dem Stellvertreterkrieg eine direkte militärische Konfrontation zwischen den Groß- und Regionalmächten?

Zur selben Zeit mehren sich Berichte, in westlichen Hauptstädten werde eine neuerliche Intervention in Libyen vorbereitet – nicht mit einer großen Zahl von Bodentruppen, sondern mit Spezialkräften. Diese sollen verhindern, dass der "Islamische Staat" in dem nordafrikanischen Land weiter an Boden gewinnt. Libyen, schreibt der britische Economist, sei "die neue Front im Krieg gegen den Dschihadismus".

Tatsächlich hat der IS in Libyen die Zahl seiner Kämpfer in den vergangenen Monaten fast verdoppeln können, zwischen 5.000 und 6.500 sollen es nach Schätzungen des Pentagons heute sein. Rund um die Stadt Sirte kontrollieren die Dschihadisten einen Küstenstreifen von mehr als 200 Kilometern. Der "Islamische Staat" rückt damit noch bedrohlicher an Europa heran. Sein Terror könnte eine neue Flüchtlingswelle auslösen.

Es kann also noch schlimmer werden. Wieder einmal.

Und wieder einmal zögert US-Präsident Barack Obama. Vordringlicher als ein militärisches Eingreifen erscheint ihm die Bildung einer libyschen Einheitsregierung. Obama ist ein Interventionsskeptiker. Er bleibt sich treu in dem Bestreben, die Vereinigen Staaten aus den Kämpfen und Katastrophen der arabischen Welt herauszuhalten. Das ist die Lehre, die er aus dem verheerenden Irak-Krieg seines Vorgängers George W. Bush gezogen hat.

Aber kann sich die Weltmacht Amerika überhaupt heraushalten? Nein, sagt Emile Hokayem mit großer Entschiedenheit. Er ist sicherheitspolitischer Experte am Mittelost-Büro des Londoner Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in Bahrain. Es könne ja sein, dass man wie die Vereinigten Staaten nicht wieder in die Angelegenheiten des Mittleren Ostens verwickelt werden wolle, "aber der Mittlere Osten will dies, und er hat Mittel und Wege, einen dazu zu zwingen. Wenn man sich am Ende doch einmischt, dann sollte man das wenigstens zu einem Zeitpunkt und unter Bedingungen der eigenen Wahl tun."

In Syrien habe Obama den richtigen Zeitpunkt und die richtigen Bedingungen verpasst, kritisiert Hokayem. Die Syrer zahlten dafür einen hohen Preis.

Aus dem Konferenzraum des IISS im Bürokomplex Bahrain Financial Harbour geht der Blick weit über das türkisblaue Wasser des Persischen Golfs. Die Golf-Monarchie liegt nur wenige Kilometer vor der Küste Saudi-Arabiens, über eine Brücke ist der Inselstaat mit dem Festland verbunden. Als 2011 während des Arabischen Frühlings die schiitische Bevölkerungsmehrheit gegen das sunnitische Königshaus aufbegehrte, schickten die Saudis Panzer und schlugen gemeinsam mit Bahrains Herrscherhaus die Revolte nieder. Es gibt einfach keinen Ort im Mittleren Osten, an dem die ungeheuren Spannungen nicht zu spüren sind, die diese Region zu zerreißen drohen.   

Emile Hokayem ist ein leidenschaftlicher Diskussionspartner. Der gebürtige Libanese, in Frankreich aufgewachsen, will dem Westen nicht die Hauptschuld am Zerfall der mittelöstlichen Ordnung geben. "Ja, der Westen hat zu dem Chaos beigetragen, aber der Westen ist nicht in erster Linie verantwortlich für das Missmanagement, das Versagen der Regierungen in dieser Region während der vergangenen sechzig, siebzig Jahre."

Hokayem hält es für ein schweres Versäumnis Obamas, nicht in Syrien eingegriffen zu haben, nachdem Assad die vom US-Präsidenten gezogene rote Linie überschritten und Chemiewaffen eingesetzt hatte. Für den Zerfall Libyens könne man jedenfalls nicht dem Westen die Schuld geben.

"Ich sehe die Hauptverantwortung für das Chaos in Libyen noch immer bei der libyschen Elite. Sie hat den Schlamassel verursacht, nicht die westliche Intervention. Ohne die sähe es in Libyen heute aus wie in Syrien. Es gäbe einen starken Mann, der sein Volk bombardiert, einen zersplitterten Widerstand. Überall tauchten Dschihadisten auf. Wir hätten ein zweites Syrien am Mittelmeer. Das, denke ich, wäre das wahrscheinlichste Szenario."

Ein zweites "Syrien am Mittelmeer"? Eine zweite Hochburg des dschihadistischen Terrorismus? Eine zweite Flüchtlingswelle aus einem Bürgerkriegsland?

Wohin man auch blickt im Nahen und Mittleren Osten, es kann immer noch schlimmer kommen. Emile Hokayem, dieser vor Neugier und Erkenntnisfreude sprühende Intellektuelle, blickt düster in die Zukunft. "Ich sehe noch weit dunklere Tage vor uns liegen", sagt er. "Ich denke, es wird schlimmer werden, viel schlimmer."