Etwa 370 Kilometer, so lang ist die Strecke, deren Kontrolle in Europa über Krieg und Frieden entscheidet. Sie beginnt im südöstlichen Zipfel der Ukraine am Asowschen Meer und endet nördlicher einige Kilometer neben Luhansk, genau an der Stelle, wo der Donez, der viertgrößte Fluss der Ukraine, in russisches Staatsgebiet fließt. Eigentlich markieren diese Punkte die Staatsgrenze zwischen Russland und der Ukraine, zwei Länder, die einst befreundet waren, sich aber seit knapp zwei Jahren wirtschaftlich, politisch und in diesem Gebiet auch physisch bekriegen.

Um diesen Krieg im Donbass zu beenden, hatten Angela Merkel und die Präsidenten Russlands, Frankreichs, der Ukraine genau vor einem Jahr in der weißrussischen Hauptstadt Minsk eine Nacht lang verhandelt. Wladimir Putin war Verhandlungsführer auf der einen, Merkel seine Kontrahentin auf der anderen Seite. Ihr wichtigstes Druckmittel: europäische Wirtschaftssanktionen. Putins stärkstes Ass: Nichtstun, einfach seine inoffiziellen Soldaten in der Ukraine weiterkämpfen lassen und weiter mit Waffen versorgen.

Die zentralste Forderung der Ukraine lautete: Kontrolle über die eigene Grenze. Als die Sonne in Minsk nach 16 Stunden Auseinandersetzung aufging, hatten sich die Staatschefs auf ein 13 Punkte langes Abkommen geeinigt, was auch die russlandfreundlichen Separatisten unterzeichneten.

Diese Einigung galt damals als "reale Chance" und "Hoffnungsschimmer" (Merkel). Minsk II sollte nicht nur eine Waffenstillstandsvereinbarung, sondern ein ernst gemeinter Fahrplan zum Frieden sein. Inzwischen weiß man: Die Fahrt hat nicht stattgefunden.

Es gibt noch immer keinen Frieden in der Gegend zwischen Luhansk und Mariupol. Noch immer fliegen Grad-Raketen, noch immer gibt es direkte Schusswechsel. Und nur ganz wenige der 2 bis 2,5 Millionen geflüchteten Ukrainer konnten in ihre Heimat zurückkehren. Bis zum Tag der Unterzeichnung des Abkommens vor einem Jahr starben etwa 5.700 Menschen, danach 3.400.

Der offensichtliche Teil einer Minsk-II-Bewertung ist damit klar: Der Waffenstillstand ist ein tödlicher. Das Abkommen ist gescheitert. Denn keiner der 13 Punkte konnte gänzlich umgesetzt werden. Die schweren Waffen wurden nicht abgezogen, Regionalwahlen konnten nicht durch die Ukraine organisiert werden. Es gab keinen umfänglichen Gefangenenaustausch, keine Verfassungsänderung für mehr Sonderrechte der Donbass-Region und keine Kontrolle über die Grenze durch die Ukraine.

Um den anderen, positiven Teil der Wahrheit über Minsk II zu erkennen, lohnt ein Blick nach Syrien. Der nächste Ort, wo russisches Militär kämpft, um russische Interessen durchzusetzen. Für eine ähnliche diplomatischen Lösungsoption wie in der Ukraine scheint es in Syrien noch sehr weit. Zunächst bombt Russland sich dort die Realität aus der Luft zurecht. In der Ukraine gab es solch eine Eskalation der Gewalt nie, auch weil in Minsk durchverhandelt wurde. Der Krieg ist zwar in der Ukraine nicht beendet, aber er hat sich beruhigt. Es sterben nicht mehr pro Tag Dutzende Menschen. Und allein dieser Fakt ist es wert, Minsk II als Erfolg zu werten.

Als Problem bleibt die Zukunft. Der Konflikt in der Ostukraine dauert schon viel zu lange, um international noch höchste Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die Umsetzung der Minsker Vereinbarung wird sich erschweren, je länger sich keine der beiden Seiten aufeinander zubewegt. Das Dilemma (aus ukrainischer Sicht) oder der Erfolg (aus russischer Sicht) steckt im Detail.

Ein wirkliches Ende der Kämpfe wäre nämlich erst möglich, wenn die etwa 370 Kilometer lange ukrainisch-russische Grenze von der Ukraine oder der OSZE oder einer anderen internationalen Organisation gesichert werden würde, damit Russland nicht bei Bedarf für Waffen- und Soldaten-Nachschub sorgen kann. Danach könnte es Regionalwahlen im Donbass geben. So die Logik aus ukrainischer Sicht. Die Separatisten beharren aber auf eine andere Reihenfolge: Zuerst muss die Ukraine ein Sonderwahlgesetz für den Donbass verabschieden, was ihnen bis zur Umsetzung Zeit zum Aufbau ihres Pseudostaates gibt. Im Minsker Abkommen heißt es ja, erst "einen Tag nach regionalen Wahlen soll die Ukraine wieder die volle Kontrolle der Grenze (...) übernehmen."

Das Parlament in Kiew besteht jedoch auch aus Volksvertretern, die weder das Sonderwahlgesetz noch eine Verfassungsreform zur Föderalisierung unterstützen wollen, nicht, solange in ihrem Land weiter geschossen wird.