Für die Spitzen der beiden großen US-Parteien geriet der gestrige Wahltag in New Hampshire zu einem Debakel: Bei den republikanischen und demokratischen Vorwahlen im neuenglischen Staat New Hampshire setzten sich in beiden politischen Lagern die Aufständischen durch, die Rebellen gegen den Status quo in den Vereinigten Staaten. Hätte jemand vor zwei Jahren darauf gewettet, dass der Republikaner Donald Trump und der Demokrat Bernie Sanders im zweiten Vorwahlstaat 2016 den Sieg erringen würden: Der Wettende hätte viel Geld verdienen können.

Zwar hat die Wählerschaft New Hampshires auch in der Vergangenheit den einen oder anderen Anti-Establishment-Kandidaten ins Rampenlicht gerückt, etwa 1968 den demokratischen Senator Eugene McCarthy, einen Gegner des Vietnamkrieges, oder 1996 den republikanischen Rechtspopulisten Pat Buchanan. Gestern aber siegten noch krassere Außenseiter und dazu Kandidaten, die zwar völlig unterschiedlichen politischen Katechismen folgen, jedoch vom gleichen Vorsatz getrieben werden: Business as usual, Geschäfte wie üblich, soll es nach ihrem Willen in Washington nicht mehr geben.

Der Erfolg von Sanders und Trump wird zudem eindrücklich bestätigt durch eine Rekordwahlbeteiligung und den erstaunlichen Enthusiasmus ihrer Anhänger. Auch deshalb dürfte das gestrige Wahlergebnis den jeweiligen Parteiführungen in der US-Hauptstadt zu denken geben. Gewiss bietet New Hampshire nicht unbedingt einen überzeugenden Querschnitt der US-Wählerschaft, da es an Minderheiten fehlt und der Staat zudem klein ist. Dennoch wird das demokratische Establishment in Washington mit Schrecken registriert haben, wie gehörig Hillary Clinton von Sanders gedeckelt wurde.

2008 hatte Clinton die Vorwahl in New Hampshire vor Barack Obama für sich entschieden, 1992 hatte sein unerwartet gutes Abschneiden Bill Clinton ermöglicht, sich nach New Hampshire als "Comeback Kid" zu verkaufen. Und jetzt diese Schlappe: In Scharen laufen vor allem jüngere Demokraten zum "Sozialisten" Sanders über, auch demokratische Wählerinnen scheren sich nicht darum, ob Clinton als erste Frau ins Weiße Haus einziehen wird. Lieber machen sie Geschichte mit einem 74-jährigen Senator aus Vermont, der völlig unamerikanisch an den Staat glaubt und umverteilen will.

Junge Amerikaner wenden sich ab

Es war Bill Clinton, der 1996 erklärte, die Ära von "Big Government" sei vorbei, offenbar sind vor allem junge Amerikaner jedoch anderer Ansicht. Hinzu kommt, dass die Clintons, Bill wie Hillary, für ihre Geschmäcker bereits zu lang im politischen Geschäft sind und sich überlebt haben. Dass die ehemalige Außenministerium hoch bezahlte Reden genau vor jenem Publikum hielt, das den jungen Sanders-Fans ein Gräuel ist, den Financiers der Wall Street nämlich, macht die Sache nicht besser.

US-Vorwahlen - Sanders und Trump gewinnen in New Hampshire Die Überraschung dieser Vorwahl ist das starke Ergebnis des Senators Bernie Sanders, der nun deutlich vor Hillary Clinton liegt. Bei den Republikanern hat sich Donald Trump die meisten Stimmen gesichert.

Was nun? Man könnte zu Clintons Entschuldigung anführen, dass Sanders Senator des benachbarten Staats Vermont ist und daher in New Hampshire eine Art Heimvorteil genoss. Doch schon der hauchdünne Sieg Clintons in Iowa ließ den Überdruss am Status quo erahnen, mit dem die demokratische Favoritin konfrontiert ist. Gelingt es Sanders, entweder bei den Parteiversammlungen in Nevada oder den Vorwahlen in South Carolina Clinton erneut zuzusetzen, wäre das Undenkbare plötzlich denkbar: Nach 2008 strauchelte die Favoritin neuerlich, ihre Karriere wäre damit zu Ende.

In diesem Falle könnte der New Yorker Exbürgermeister Michael Bloomberg in Versuchung geraten, als unabhängiger Präsidentschaftskandidat an den Start zu gehen – und die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016 vollends ins Chaos zu stürzen. Der Stab des New Yorker Milliardärs erarbeitet derzeit mehrere Szenarien, die Bloomberg zu einer Kandidatur bewegen würden. Zeit hätte er bis Mitte März, dann müsste er sich wegen gesetzlicher Auflagen in den Einzelstaaten erklären.