ZEIT ONLINE: Österreich galt meist als braver Verbündeter Deutschlands. Von Angela Merkel ist gar der Spruch überliefert, Werner Faymann komme mit keiner Meinung rein, und gehe mit ihrer Meinung wieder raus. Ist das nun vorbei?

Andreas Maurer: Das Bild, dass Österreich die deutsche Politik ungeprüft nachvollzieht, haben Deutsche zwar gern, es stimmt aber nicht. Es gab immer wieder Interessenkonflikte. Österreich führte etwa die "Gruppe der sieben Zwerge" an, die sich Anfang der 2000er Jahre bei den Verhandlungen zum EU-Verfassungsvertrag gegen die Präsidentialisierung der EU wehrte.

ZEIT ONLINE: Aber gerade in der Flüchtlingsfrage war Wien ein Partner Berlins. Warum hat sich das geändert?

Maurer: Das hat mindestens zwei Ursachen. Die eine ist rein innenpolitisch: Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und ihre Partei, die ÖVP, versuchen sich von Heinz-Christian Strache und der FPÖ abzusetzen. Man übernimmt einen Teil von deren Argumentation gegen Flüchtlinge und gegen den Islam, um Stimmen von den Rechtspopulisten zu bekommen. Sie dürfen nicht vergessen: In Tirol sind gerade Kommunalwahlen, die sind in Österreich wichtiger als in Deutschland, und der Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten beginnt gerade.

ZEIT ONLINE: Der Schwenk hat nur innenpolitische Gründe?

Maurer: Nein, denn die zweite Ursache hat viel damit zu tun, dass Österreich sehr pikiert auf Gruppenbildungsprozesse in der EU reagiert, an denen es nicht teilnimmt. Wenn man sich über die Wiener Balkan-Konferenz aufregt, dann muss man auch sehen, dass sich die sechs EU-Gründerstaaten seit vergangenem Dezember auf Botschafter- und Staatssekretärsebene treffen. Gegipfelt hat das in der Außenministerkonferenz in Rom ohne Kommission und ohne Österreich.

ZEIT ONLINE: Trotzdem hat die Wiener Konferenz nicht viel Freude hervorgerufen.

Maurer: Es ist ärgerlich und bringt aus Brüsseler Perspektive gar nichts, dass solche Konferenzen in Wien stattfinden. Aber aus österreichischer Perspektive ist es politisch nachvollziehbar. Man sagt, eine europäische Lösung wird es so rasch nicht geben und wir treffen uns daher mit den Ländern, auf die wir vor allem wirtschaftspolitisch Einfluss haben und die von Österreich zum Teil abhängig sind: die Balkanländer.

ZEIT ONLINE: Das kleine Österreich will eine Vormachtstellung und ist trotzig, weil es bei den Treffen der Gründerstaaten nicht dabei sein darf?

Maurer: Es steht tatsächlich ein wenig die Idee dahinter, dass das alte Österreich-Ungarn als Einflusszone Wiens gesehen wird, um die Korridore der heutigen Flüchtlingsströme zu kontrollieren. Österreich war bis in den vergangenen Herbst allerdings auch mehr oder weniger indifferent in der Frage, wie es sich zu den Flüchtlingen verhält, die nicht nach Deutschland durchgewinkt sondern im Land bleiben werden. Nur die FPÖ hat das Thema erfolgreich aufgegriffen und diktiert jetzt den Kurs. Vor allem die ÖVP fühlt sich von ihr an die Wand gedrückt.

"Alle kalkulieren bewusst damit, dass die Flüchtlinge in Griechenland landen werden"

ZEIT ONLINE: Was eint Deutschland und Österreich in der Flüchtlingsfrage noch?

Maurer: Sie haben beide kein ernsthaftes Interesse daran, Griechenland unter Alexis Tsipras zu helfen. In Sonntagsreden wird zwar gesagt, man wolle das gemeinsam lösen. Tags darauf wird dann der Druck auf Griechenland, seine Außengrenze zu sichern, erhöht. Das ist plump und frech. Die Vorstellung von Johanna Mikl-Leitner, man könne da einfach Schiffe hinschicken, ist naiv. Die Seegrenze in der Ägäis lässt sich nicht kontrollieren, das wissen auch alle. Aber alle kalkulieren bewusst damit, dass die Flüchtlinge in Griechenland landen werden und es dort eine humanitäre Krise geben wird. Und da sind die Österreicher und die Deutschen mit dabei.

ZEIT ONLINE: Die angekündigte Obergrenze von 37.500 Asylwerbern für dieses Jahr wurde oft gescholten. Aber: Österreich wäre mit der Zahl noch immer unter jenen EU-Staaten, die am meisten Flüchtlinge aufnehmen. Warum also die Kritik?

Maurer: Das ist schon richtig, aber es wird mit der Verkündung einer einfachen Zahl zu viel ignoriert. Etwa, dass viele Menschen unter dem Radar einwandern. Das Hauptproblem aber ist, dass es aus europäischer Sicht nur sehr schwer nachzuvollziehen ist, dass ein Land sagt, es nimmt eine bestimmte Zahl und macht dann Schluss.

ZEIT ONLINE: Außenminister Sebastian Kurz meinte vor gut einem Monat, man würde den Leidensdruck erhöhen, damit es zu einer gesamteuropäischen Lösung komme.

Maurer: Ja, aber das interessiert doch keinen Flüchtling. Die Tatsache, dass wir Flüchtlingswellen haben, hängt auch damit zusammen, dass die Türkei und Russland Powerplay betreiben. Der Kreml weiß genau, dass in dem Moment, in dem Aleppo bombardiert wird, die nächste Flüchtlingswelle anrollt. Russland treibt die Union auseinander und ist dabei sehr erfolgreich. Das ist die Bestrafung für die einseitige Ukrainepolitik der EU.

ZEIT ONLINE: Und Sie meinen, Österreich vollziehe ungewollt die russische Politik in Europa?

Maurer: Nein, so würde ich das nicht sagen. Aber die Staaten, die sich nicht an das halten, was der Europäische Rat Ende Februar vereinbart hat, wehren sich nicht gegen die Powerplay-Politik Russlands.