Journalisten flüchten in Diyarbakır vor dem Tränengas der Polizei © Ilyas Akengin/AFP/Getty Images

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Aus dem Innern der Mauern von Diyarbakır, die seit der Antike die Stadt schützen und auf denen jeder neue Machthaber der Stadt seine Spuren hinterlassen hat, ertönt der Donner von Geschützen. Es ist das Jahr 2016. Außerhalb der Stadtmauern, wo schwere Militärfahrzeuge zur Normalität im Straßenverkehr geworden sind und sich Gefechtslärm mit dem Läuten der Schulglocken mischt, lebt sich ein seltsamer Alltag.

An einem der altehrwürdigen Stadttore haben Einsatzkräfte einen Kontrollpunkt errichtet. Hier muss jeder durch, der in jenen kleineren Teil der Altstadt will, den man betreten darf. Und Journalisten müssen stets länger warten als alle anderen. Während meine Personalien überprüft werden, durchsucht eine Polizistin meine Handtasche und versucht, die Notizen in meinem Block zu entziffern. "Warum sind Sie nach Diyarbakır gekommen?", fragt sie. "Haben Sie keine Angst? Das ist ein Ort, an dem jederzeit alles passieren kann."

Wenn Sie in der heutigen Türkei als Journalistin arbeiten, müssen Sie mit Schwierigkeiten rechnen. So können Sie beispielsweise wegen "Beleidigung des Staatspräsidenten" belangt und angeklagt werden. Die vielen Verfahren zu diesem Vorwurf haben inzwischen nie dagewesene Ausmaße erreicht. Man kann Journalisten in der Türkei auch wegen "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" anklagen oder für die "Unterstützung einer Terrororganisation, ohne dieser als Mitglied anzugehören". Ich zum Beispiel arbeite für die Tageszeitung Cumhuriyet, deren Chefredakteur Can Dündar und Ankara-Korrespondent Erdem Gül aufgrund ihrer Berichterstattung im Gefängnis ihren Strafprozess erwarten. "Spionage" und "Geheimnisverrat" lauten die Vorwürfe gegen die beiden.

Und selbst wenn nicht gegen Sie ermittelt wird, können die regierungsnahen Medien haltlose Beschuldigungen erheben. Oder Sie werden in sozialen Medien organisierten Beleidigungs- und Diffamierungskampagnen ausgesetzt und zum Angriffsziel erklärt. Doch wenn Sie in den kurdischen Städten recherchieren wollen, in denen die bewaffneten Auseinandersetzungen in unterschiedlichem Ausmaß fortdauern, setzen Sie sich einem noch sehr viel höheren Risiko aus. Das führt mich zurück zur ersten Frage der Polizistin: Warum bin ich hergekommen?

Initiative für Solidarität unter Journalisten

Als ich vergangene Woche nach Diyarbakır reiste, kam ich nicht allein wie bei früheren Recherchen. Zusammen mit mehreren Journalisten aus verschiedenen Medien gehörte ich zur zweiten Gruppe der Aktion Recherche-Watch (haber nöbeti; wörtlich: "Nachrichten-Watch").

Recherche-Watch ist eine unabhängige Initiative, die zwei Ziele verfolgt: Zum einen, den Nachrichtenfluss aus der Region zu steigern, zum anderen, Solidarität mit den Journalisten zu üben, die in den kurdischen Gebieten unter schwierigen Bedingungen versuchen, ihre Arbeit zu machen. Darum werden bis Ende März jede Woche acht Journalisten, die sonst im Westen des Landes arbeiten, in die kurdischen Gebiete fahren, um mit den Kollegen vor Ort gemeinsam zu recherchieren, die Ereignisse zu beobachten und darüber zu berichten.

Um zur zweiten Frage der Polizistin zu kommen: "Haben Sie keine Angst?" Für Journalisten aus Istanbul oder Ankara, die über keine Erfahrungen als Kriegsreporter verfügen, gibt es hier tatsächlich allen Grund zur Sorge. Aber es geht hier nicht um die Ängste dieser Journalisten, die für einen befristeten Zeitraum einen kleinen Einblick in die Arbeitsbedingungen von Kollegen in den kurdischen Gebieten bekommen. Es geht um die Ängste von Journalisten, die Tag für Tag mit Risiken leben.

Waffengewalt gegen Reporter

Es wird Ihnen vielleicht wie eine Szene aus einem Film vorkommen: Im Oktober hielt in Silvan ein Zivilpolizist dem Kameramann Serhat Yüce von der Nachrichtenagentur DİHA eine Pistole an den Kopf und rief: "Du filmst nicht!" Wäre nicht in diesem Moment Murat Demir vom Fernsehsender Özgür Gün TV zur Stelle gewesen, um die Szene aufzunehmen, hätte man vermutlich hinterher ihn selbst beschuldigt, sagt Yüce heute. Oder gar abgedrückt. In den umkämpften Stadtvierteln hatten sie zuvor aus einem Panzerfahrzeug die Durchsage gehört: "Wenn ihr nicht in drei Sekunden verschwindet, werde ich schießen."

Vor einem Monat filmte der Kameramann Refik Tekin vom Sender İMC in der Stadt Cizre, wie Polizisten aus einem Panzerfahrzeug das Feuer auf eine Gruppe von Menschen eröffneten. In Cizre herrschte Ausgangssperre, die Leute wollten mit einer weißen Fahne in der Hand Tote und Verletzte von der Straße bergen. Nachdem Tekin von einer Kugel getroffen selber zu Boden stürzte, filmte die Kamera weiter – mit seinen Blutspritzern auf dem Objektiv. Beim Transport ins Krankenhaus wurde er von Polizisten geschlagen, im Krankenhaus in Gewahrsam genommen und schließlich als Terrorverdächtiger verhört, während ihn die regierungsnahen Medien als "Terroristen" darstellten. 

Türkei - Regierung macht PKK für Anschläge verantwortlich Nach dem Selbstmordattentat in Ankara, bei dem am Mittwoch 28 Menschen starben, wurden bei einem weiteren Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi in der Südosttürkei sechs Soldaten getötet. Die PKK soll für beide Anschläge verantwortlich sein.