Route nach Europa: Flüchtlinge fahren im mit ihren Rädern durch den Schnee zur russisch-norwegischen Grenze. © Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

Es begann mit einer kleinen Meldung im vergangenen Herbst am Rande der aufkommenden Flüchtlingskrise in Europa. Dutzende Menschen aus dem Nahen Osten versuchten, mit dem Fahrrad über die russische Grenze nach Norwegen zu gelangen. Mit dem Fahrrad, weil ein Grenzübertritt zu Fuß zwischen Russland und seinen skandinavischen Nachbarn nicht gestattet ist. Über Monate wurden aus Dutzenden Hunderte und bei den Skandinaviern wuchs ein Verdacht gegen den Nachbarn im Osten: Ist diese Flüchtlingsbewegung vielleicht von russischer Seite organisiert? Ein Versuch der Russen, Norwegen und Finnland zu destabilisieren? "Immer mehr Flüchtlinge aus Russland kommen nach Finnland und Norwegen", sagte auch EU-Kommissar Johannes Hahn im Interview mit ZEIT ONLINE. "Die haben sich wahrscheinlich nicht von selbst auf den Weg gemacht."

Die Vorwürfe klingen auf den ersten Blick bizarr. Im vergangenen Jahr erreichten etwa 5.500 Asylsuchende Norwegen über die russische Grenze. Gut 700 Menschen versuchten es 2015 in Finnland. Seit Jahresanfang, nachdem Norwegen seine Grenzen dicht gemacht hat, kamen zusätzliche 985 Menschen über die nordfinnischen Grenzübergänge Salla und Raja-Jooseppi, die meisten aus Afghanistan, Syrien, Indien, Nepal und Bangladesch. Vor dem Hintergrund der insgesamt jeweils über 30.000 Asylanträge in beiden Ländern im vergangenen Jahr scheinen die Zahlen klein zu sein. Doch die Stimmung unter Russlands Nachbarn ist aufgewühlt.

Bereits im Oktober 2015 bat Norwegens Außenminister Børge Brende seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow um eine Erklärung für das plötzliche Auftauchen der Flüchtlinge. Auch das finnische Innenministerium spricht von einem neuen Phänomen. "Früher haben die Russen niemanden ohne Schengen-Visum durchgelassen, diese Praxis hat sich nun verändert", sagte eine Sprecherin ZEIT ONLINE. Zudem gebe es Hinweise auf organisierte Schlepperbanden im russisch-finnischen Grenzgebiet. Die finnische Polizei untersuche derzeit zahlreiche Fälle.

Für zusätzliche Aufregung sorgte Ende Januar 2016 der finnische Presse-Fotograf Jussi Nukari. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB, der zum Grenzschutz gehört, entscheide, welches Auto wann und wie zur Grenze komme, behauptete der Fotograf und berief sich auf einen russischen Grenzsoldaten. Der finnische öffentlich-rechtliche Sender YLE berichtete darüber. Auch Finnlands rechtskonservative Europapolitiker warfen Russland in einer YLE-Sendung vor, die Flüchtlingskrise als außenpolitischen Hebel zu missbrauchen.

Auch wenn Moskaus Behörden jegliche Vorwürfe von sich weisen, scheint es auf russischer Seite ein reges Geschäft mit der Not der Flüchtlinge zu geben. In der nordrussischen Stadt Kandalakscha sind die Hotels bewohnt von jenen, die nach Finnland wollen. Weil sie dazu ein Fahrzeug brauchen, boomt der Handel mit Schrottautos. Der gängigste Weg führt über ein russisches Touristenvisum. Wenn dies abgelaufen ist, braucht der Ausreisende zudem einen Ausweisungsbescheid von russischer Seite, um an der finnischen oder norwegischen Grenze nicht abgewiesen zu werden. Der Weg führt meistens über einen Zwischenstopp in Moskau nach Murmansk und von da aus in die grenznahen Städte Kandalakscha oder Nikel.