ZEIT ONLINE: In der Flüchtlingskrise konzentrieren sich derzeit alle Anstrengungen auf die Türkei und die Westbalkanroute. Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Flüchtlinge sich andere Routen suchen?

Hahn: Im südlichen Mittelmeer, vor allem in Libyen, gibt es ein großes Flüchtlingspotenzial. Die Tarife der Menschenschmuggler dort haben sich drastisch reduziert, die Zahl der Menschen, die den Weg über das Mittelmeer suchen wollen, steigt. Das führt einmal mehr zu der Frage, wie nachhaltig wir unsere Außengrenzen sichern können. Darüber hinaus beobachten wir gerade in Nordeuropa ein neues Phänomen. Immer mehr Flüchtlinge aus Russland kommen nach Finnland und Norwegen.

ZEIT ONLINE: Wie viele Flüchtlinge sind das?

Hahn: Die Zahlen sind nicht so hoch. Beunruhigend ist jedoch das politische Signal, das dahintersteht. Es ist ja kein Zufall, dass das jetzt passiert.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Hahn: Es handelt sich bei den Flüchtlingen dort um Menschen aus Zentralasien, etwa Tadschiken oder Turkmenen, die schon viele Jahre in Russland gelebt haben. Die haben sich wahrscheinlich nicht von selbst auf den Weg gemacht.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, Russland schickt Flüchtlinge auf den Weg, um die EU weiter unter Druck zu setzen?

Hahn: Ich weiß nicht, ob sie sie bewusst schicken. Vielleicht nutzen sie auch nur eine günstige Situation aus. Auffällig ist aber, dass das in einem Moment geschieht, in dem die EU ohnehin stark unter Druck ist.