Mit Desinformationspolitik russischer Machart kennen sich Polen, Balten und Ukrainer schon länger aus, jetzt dringt auch zu den Deutschen durch, dass es da ein Problem geben könnte. Seit der Fall eines deutschrussischen Mädchens politisch instrumentalisiert wurde, spricht nicht nur Außenminister Frank-Walter Steinmeier von "politischer Propaganda" und einer "Einmischung in innere Angelegenheiten". Auch die Medien springen im großen Stil bei: Russland führt einen hybriden Krieg!

Fast zwei Jahre nachdem Russland mit "grünen Männchen" die Krim eingenommen hat und in der Ostukraine ein Krieg begonnen wurde, von dem Wladimir Putin bis heute behauptet, nicht daran beteiligt zu sein, macht das Schlagwort vom hybriden Krieg also auch in Deutschland Karriere. Selbst bei T-Online sind jetzt Analysen zu lesen, wie Putin auf allen Ebenen Europa spaltet. Ist der Befund denn so falsch? Nein, aber unvollständig ist er. Da werden Indizien interpretiert, Symptome gedeutet, da wird über Strukturen gemutmaßt, alles richtig, aber ob Putin einen geheimen Plan in seiner Schublade zur Spaltung des Westens habe (und den Eindruck konnte man in diesen Tagen durchaus gewinnen), ist schlichtweg nicht bekannt, Vermutungen sind keine Fakten.

Sich nicht wissender zu geben, als man ist, ist wichtig, um glaubwürdig zu bleiben; sich nicht naiver zu machen, als man müsste, ist wichtig, um wehrhaft, um stabil zu bleiben. Bisher war Putin noch immer recht erfolgreich damit, auf das bilaterale Gespräch zu setzen, bei dem am Ende die europäische Gemeinschaft in ihre widerstreitenden und schwachen Einzelteile zerfällt. Die Frage ist, ob dieser Taktik im Augenblick größter europäischer Überforderung nicht dringend etwas entgegenzusetzen wäre. Und hier kommt Horst Seehofer ins Spiel. Sein Besuch bei Putin steht prototypisch für das Ausspielen europäischer Interessen.

Er sei gekommen, damit "der Gesprächsfaden nicht abreißt", hatte Seehofer gesagt. Nun ist bekannt, dass die Kanzlerin oft mit Putin telefoniert. Kurz vor Seehofer war der österreichische Vizekanzler in Moskau zu Besuch, wenige Wochen zuvor hochrangige Beamte aus dem deutschen Kanzleramt. Auch John Kerry und Victoria Nuland waren vor gar nicht langer Zeit da, im November war es Sigmar Gabriel, kurzum: Wenn nicht gerade das Telefon klingelt, stehen die Gesprächspartner Schlange. Da ist nichts, was abreißen könnte und ausgerechnet von Seehofer zusammengefügt werden müsste. Die Innenpolitik trieb Seehofer nach Moskau, sein Widerstand gegen die Kanzlerin, und dafür scheint ihm jede Allianz recht. Am Ende seiner Reise, auf einer denkwürdigen Pressekonferenz, zeigte sich exemplarisch, welcher Preis dafür fällig wird.

Man habe "über alles" gesprochen, Ja, auch über den Fall der 13-jährigen Russlanddeutschen aus Berlin. Keine Woche später legt der russische Außenminister bei dem Thema wieder nach.

Was mit der Flüchtlingspolitik sei? Er finde es "nobel", sagte Seehofer, dass der Präsident sich nicht in die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung einmische.

Der Krieg in der Ukraine? "Die Schießereien sind nicht schön." Sie müssten aufhören. Aber Präsident Putin habe ihm eine "abgewogene Analyse" der Situation in der Ukraine geschildert. Nun, diese Schießereien haben weit über 9.000 Zivilisten getötet, mehr als 3.400 Menschen starben, seit das zweite Minsker Friedensabkommen vor einem Jahr in Kraft getreten ist. Und Präsident Putin, er leugnet bis heute, Konfliktpartei in diesem Krieg zu sein.

Der Krieg in Syrien? "Der Präsident hat sehr kenntnisreich die Situation analysiert." So kenntnisreich, dass Seehofer als Erster von den Zigtausenden Syrern wusste, die sich an die türkische Grenze drängen, nach Europa wollen (wo Seehofer sie auf keinen Fall haben will), weil die russische Luftwaffe den Norden bombardiert?

Seehofer beschwor den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheitsgeschichte, auf Dialog statt Gewalt zu setzen. Ob denn auch in Moskau verstanden worden sei, dass Probleme nicht mit Krieg zu lösen seien, Ja oder Nein? Seehofer: "Ja."

In diesen Zeiten ist nicht die mögliche Existenz eines nebulösen Plans für Europa entscheidend, sondern der Zusammenbruch seines Zusammenhalts. Putins Stärke kann nur so groß sein wie Europas Schwäche und deshalb sind solche Exklusivbesuche bilateraler Art ein Problem. Kein Land in Europa, das nicht mit der Flüchtlingsfrage ringt, mit Überforderung gesellschaftlicher Strukturen, mit Protesten, mit dem Erstarken der Rechten. In solchen Augenblicken sind Besucher wie Seehofer, die unter vier Augen besprechen, worüber eigentlich 28 Staaten zu verfügen haben, gern gesehene Gäste. Die verwischen dafür offenbar gern den Unterschied, was für ein Partner Russland sein könnte – und was für ein Partner Russland tatsächlich ist.