In der türkischen Grenzstadt Kilis leben heute mehr Flüchtlinge als Einwohner. Ganz in der Nähe hört man die Schüsse der türkischen Artillerie, die kurdische Milizen in Syrien beschießt. In den Seitengassen des syrischen Viertels treffen wir Jaro in einem Wohnungsvermittlungsbüro. Der 26-Jährige sieht nicht bedürftig wie viele Flüchtlinge aus, er scheint Geld zu haben. Er trägt enge schwarze Designerklamotten, schwarze Schuhe mit weiß verzierter Sohle, weiße Socken, einen frisch getrimmten Vollbart. Über der Lippe trägt er keinen Bart, was auffällt, weil es die Mode radikaler Islamisten und Dschihadisten ist. Er nennt uns nur seinen Vornamen: Jaro.

ZEIT ONLINE: Seit wann sind Sie in Kilis?

Jaro: Seit vier Tagen.

ZEIT ONLINE: Wie konnten Sie über die von der Türkei geschlossene Grenze kommen? 

Jaro: Ein Schmuggler half mir.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie das gekostet?

Jaro: 1.300 Dollar.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie gekommen?

Jaro: Weil ich keinen Sinn mehr in unserem Kampf sah. 

ZEIT ONLINE: Für wen haben Sie gekämpft?

Jaro: Am Anfang des Krieges wurde ich zur syrischen Armee eingezogen. Dann bin ich desertiert. Ich nahm meine Handfeuerwaffen und lief zu Al-Nusra über ...

ZEIT ONLINE: ... die Verbände der Terrororganisation al-Kaida auf syrischem Boden ...

Jaro: ... die Nusra-Kämpfer nahmen mir als Erstes meine Waffen weg, aber gliederten mich dann in ihre Brigaden ein. Ich kämpfte mit Al-Nusra gegen einen Armeestützpunkt.

ZEIT ONLINE: Warum liefen Sie ausgerechnet zu Al-Nusra über?

Jaro: Weil ich dem Regime entkommen wollte.

ZEIT ONLINE: Al-Nusra ist eine Terrororganisation. Warum gingen sie zu denen?

Jaro: Weil Al-Nusra damals gegen einen Mann kämpfte, den ich hasste. Es ging um einen Verbrecher, den Armeefeldwebel Dschalal Hussein. Er hatte beim Aufstand in Daraa in Südsyrien sunnitische Kinder erschossen. Später warf er jugendliche Schäfer in eine Schlucht. Gegen diesen Mann kämpften wir.

ZEIT ONLINE: Trotzdem ist Al-Nusra eine Terrororganisation.

Jaro: Ich sehe sie nicht als Terroristen.

ZEIT ONLINE: Was ist denn der Unterschied zwischen den Dschihadisten der Nusra und des IS?

Jaro: Wir haben feste Prinzipien, wir rauchen nicht, wir betrügen nicht. 

ZEIT ONLINE: Das sagt der IS auch.

Jaro: Der Unterschied ist, dass Al-Nusra niemanden zu etwas zwingt wie der IS. Man hat die Freiheit zu gehen oder zu bleiben.

ZEIT ONLINE: Und wenn man bleibt, fügt man sich radikalen islamistischen Zwängen?

Jaro: Nein, bei Al-Nusra muss niemand seinen Laden zu den Gebetszeiten schließen, niemand muss sich komplett verhüllen. Es wird nur empfohlen. Sie überzeugen dich, weniger zu rauchen. Ich habe damals vier Schachteln Zigaretten am Tag geraucht. Ich rauche deshalb statt vier Packungen Zigaretten nur noch eine Packung am Tag. Dafür bin ich dankbar.

ZEIT ONLINE: Und warum sind Sie dann nicht bei Al-Nusra geblieben?

Jaro: Meine Heimat war in Gefahr, ich wollte zurück in die Nähe von Aleppo. Ich wechselte zu einer Oppositionsgruppe, die mit Al-Nusra gegen das Regime verbündet war.

ZEIT ONLINE: Aber dort hat es ihnen nicht so gefallen, sonst wären Sie ja nicht hier?

Jaro: Leider nicht. Der Führer der Gruppe hat arabische Dörfer im Norden von Aleppo an die Kurden verkauft. Er hat uns verraten. Nur deshalb konnten die Kurden vorrücken. Und die Kurden arbeiten mit dem Regime zusammen.

ZEIT ONLINE: Deshalb sind Sie gegangen?

Jaro: Von oben fallen die russischen Bomben, von allen Seiten rücken die Feinde vor. Alles bricht zusammen. Der Kampf hat keinen Sinn mehr.

ZEIT ONLINE: Werden Sie irgendwann zurückgehen?

Jaro: Nein, ich will nie mehr nach Syrien zurückkehren.

ZEIT ONLINE: Wo ist Ihre Familie?

Jaro: Auch hier in Kilis, sie sind schon lange vor mir gekommen.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie sich hier ein neues Leben aufbauen?

Jaro: In diesem Nest hat man keine Chance, hier ist kein Leben, es gibt keine Jobs.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Alternative?

Jaro: Freunde in Deutschland haben mir erzählt, dass das Leben dort süß und angenehm ist. Ich hatte schon mal beim deutschen Konsulat Istanbul einen Asylantrag gestellt. Zwei Jahre wartete ich vergeblich. Aber jetzt werde ich es noch einmal versuchen.