Die Offensive der syrischen Armee mit russischer Unterstützung in der Umgebung der Stadt Aleppo hat nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) Tausende Menschen in die Flucht getrieben. "Bis zu 20.000 Menschen haben sich am Grenzübergang Bab al-Salameh versammelt", sagte die Sprecherin des UN-Koordinierungsbüros für humanitäre Fragen (Ocha), Linda Tom. "5.000 bis 10.000 weitere Menschen sind zur Stadt Asas geflüchtet." 

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, 40.000 Zivilisten seien vor den Kämpfen rund um die einstige Rebellenhochburg Aleppo geflohen. "Tausende Menschen, vor allem Familien mit Frauen und Kindern, warten darauf, in die Türkei zu kommen", sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.

Die türkischen Behörden halten die Grenze zu Syrien nach Angaben der UN geschlossen. Nur Personen, die dringend medizinische Hilfe benötigten, würden ins Land gelassen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu hatte bereits am Donnerstag gesagt, die Kämpfe um Aleppo hätten 10.000 Menschen an die türkische Grenze getrieben, weitere 70.000 Menschen seien auf dem Weg. Für den Fall, dass Aleppo an die Regierungstruppen fällt, rechnet die Türkei mit mehr als einer Million zusätzlichen Flüchtlingen.

Die frühere Handelsmetropole Aleppo ist neben Damaskus eine der wichtigsten Städte Syriens. Während das Assad-Regime den Westen Aleppos kontrolliert, beherrschen Rebellengruppen den Osten und den Süden. Es ist der letzte große Teil eines Stadtzentrums, das noch von Rebellen kontrolliert wird. Die syrische Armee hatte Anfang der Woche mit der libanesischen Hisbollah-Miliz und der massiven Unterstützung russischer Kampfflugzeuge eine Offensive in der Region Aleppo begonnen. Dabei gelang ihr mit der Eroberung der Ortschaft Rijan am Freitag ein weiterer Erfolg, nachdem sie am Vortag bereits die jahrelange Belagerung zweier Dörfer durch die Rebellen durchbrochen hatte.

Syrien - Zehntausende flüchten vor Luftangriffen auf Aleppo

Bei den Luftangriffen in der Umgebung der Stadt im Nordwesten Syriens sind nach UN-Angaben im Januar auch 13 medizinische Einrichtungen getroffen worden. Hilfsorganisatoren befürchten eine massive Verschlechterung der Lage in der Region. Assad-treue Regierungstruppen hätten die Kontrolle über die Hauptzufahrtsstraße von der Türkei nach Aleppo übernommen, sagte der stellvertretende Leiter von Malteser International, Sid Peruvemba: "Es steht zu befürchten, dass fortan Hilfsgüter, die über den Grenzübergang Öncüpinar nach Aleppo transportiert werden, die Menschen in der umkämpften Stadt nicht mehr erreichen."

Trotz der Milliardenzusagen auf der Syrien-Geberkonferenz, deutlich mehr Mittel für die Versorgung der Betroffenen zur Verfügung zu stellen, gebe es wenig Aussicht auf eine Verbesserung der Situation der Menschen innerhalb Syriens, sagte Peruvemba. Er forderte einen ungehinderten Zugang der Hilfsorganisationen zur notleidenden Bevölkerung. Die Zustände in den belagerten Städten seien unerträglich und die Intensivierung der Bombardierung durch die russische Luftwaffe in den letzten Tagen und Wochen führe zu immer mehr Toten und Verletzten.

Merkel forderte Stopp der Angriffe

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Russland und die syrische Regierung auf, die Angriffe einzustellen. "Alle müssen verstehen – und das gilt vor allem für das Assad-Regime und auch für Russland –, dass die Verschlechterung der humanitären Situation natürlich die Möglichkeit, auch politische Gespräche zum Erfolg zu führen, noch einmal verringert", sagte Merkel.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Regierungen, die für die Angriffe auf Aleppo verantwortlich seien, "die scheinen ein Scheitern der Bemühungen um eine politische Lösung in Kauf zu nehmen". Ein Sprecher des Auswärtigen Amts ergänzte, "dass die Art und Weise, wie Russland militärisch in diesen Konflikt in Syrien eingreift, nicht wirklich hilfreich ist". Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warf Russland vor, den Konflikt mit seinen Bombardements gegen Rebellen anzuheizen.

Russland wies die Schuldzuweisungen zurück. Die Regierung in Moskau setze sich für eine friedliche Lösung des Konflikts ein, unterstütze die syrische Regierung aber im Kampf gegen den Terrorismus, hieß es vonseiten der Regierung. Die russische Luftwaffe unterstützt seit Ende September eine Offensive der syrischen Regierungstruppen mit Raketen- und Bombenangriffen. Der Westen wirft Russland vor, dabei auch Kämpfer der gemäßigten Opposition zu beschießen.

Syrien-Friedensgespräche in der kommenden Woche

Die ausgesetzten Syrien-Friedensgespräche sollen am Donnerstag – einen Tag vor dem Start der Münchner Sicherheitskonferenz – wieder in Gang gebracht werden. In der bayerischen Landeshauptstadt ist eine Syrien-Verhandlungsrunde im sogenannten Wiener Format mit Vertretern aus fast 20 Staaten geplant. Das Auswärtige Amt geht davon aus, dass auch die Außenminister Saudi-Arabiens und des Irans teilnehmen werden. Es wäre die erste Begegnung von Regierungsvertretern der beiden zerstrittenen Regionalmächte seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Anfang Januar.

Derweil sehen die USA die Zahl der Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und im Irak wegen militärischer Erfolge schrumpfen. Das Weiße Haus geht eigenen Angaben zufolge von bis zu 25.000 aus – in vorherigen Schätzungen war von bis zu 31.500 bewaffneten IS-Extremisten in beiden Ländern die Rede. Im Kampf gegen die Dschihadisten hatte sich Saudi-Arabien am gestrigen Donnerstag sogar bereit gezeigt, Bodentruppen zu entsenden.