Zerstörte Häuser nahe der syrischen Stadt Aleppo © George Ourfalian/AFP/Getty Images

Den Worten müssten Taten folgen, hieß es nach der Einigung in München auf ein Ende der Gewalt in Syrien in der Nacht zu Freitag – oder besser: der Absichtserklärung vieler daran beteiligter Staaten, die Waffen in diesem Krieg sollten nun ruhen. Es wird wohl nicht einmal eine Atempause werden, wenn man die Worte Baschar al-Assads ernst nimmt: "Es ist nicht logisch zu sagen, dass es einen Teil unseres Landes gibt, auf den wir verzichten", sagte der Diktator in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. Die Kämpfe mit den Rebellen könnten noch lange dauern. Er sei entschlossen, ganz Syrien zurückzuerobern – "ein Ziel, dass wir ohne zu zögern erreichen wollen".

Während Assads Ansage veröffentlicht wurde, hielt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in ihrer Eröffnungsrede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am Nachmittag unter anderem fest: "Ja, der gestrige Abend gibt einen Funken Hoffnung." Wobei auch sie weiß: "Wer wirklich Frieden will, der muss nicht wochenlang warten."

Assad und jene, die ihm militärisch zur Seite stehen, scheinen in der Tat nicht wochenlang warten zu wollen. Dabei haben sie allerdings ganz offensichtlich nicht den Frieden im Sinn. Zu Verhandlungen über ein Ende des Bürgerkriegs in seinem Land sei er durchaus bereit, sagte der syrische Herrscher. Das bedeute aber nicht den "Kampf gegen den Terrorismus" einzustellen, den er als notwendig und von solchen Gesprächen unabhängig bezeichnete.

Und genau das ist die gefährlichste Schwäche des Münchner Abkommens der "International Syria Support Group": Wenn darin von der Einstellung der Feindseligkeiten die Rede ist, bleibt ebendieser Kampf außen vor. Wenn ausdrücklich Angriffe auf terroristische Gruppen weiterhin legitim sein sollen, bedeutet das: Das syrische Regime wie auch seine russischen und iranischen Waffenbrüder können ihre Bombardements und Bodenoffensiven weiter mit dem Verweis auf die Bedrohung durch Extremisten begründen. Schlimmer noch: nun auch mit der Rückendeckung aller, die sich auf den neuen Plan geeinigt haben. Zum Glück hat das dreiseitige Papier niemand unterschrieben, muss man eigentlich betonen. Die geplante Koordinierung zwischen den USA und Russland über weitere Luftschläge gegen den "Islamischen Staat" und Al-Nusra klingt gut – aber soll dann auch noch das Argument gelten: Das haben wir doch so abgesprochen?

Für Assad war dieser Krieg von Beginn an ein Kampf gegen den Terror – was nichts anderes bedeutete als: Ich herrsche über dieses Land und jeder, der gegen mich ist, ist ein Terrorist. Als Russland dem Diktator vor Monaten zur Seite sprang, übernahm es diese Linie: Es verkaufte seine massiven, großflächigen und alles andere als präzisen Luftangriffe, die unzählige Zivilisten töteten und auch moderate Oppositionsgruppen trafen, die der Westen als Partner versteht, vor allem als Beitrag zum Kampf gegen den IS, Al-Nusra und andere Dschihadisten. Bereits unmittelbar nach der Einigung in München legte der russische Außenminister Sergej Lawrow großen Wert darauf, dass man diese Mission entschlossen weiterverfolgen werde – es steht also zu befürchten: Am Kriegsgeschehen in Syrien wird sich vorerst nichts ändern. Moskau hat sich längst entschieden, nicht zuzulassen, dass das Regime in Damaskus an Macht verliert.

Wie soll man Vertrauen aufbauen, während Aleppo weiter bombadiert wird?

Bislang gibt es auch keinerlei Anzeichen dafür, dass die Kämpfe und Bombardierungen aufhören. Sollte an der innerhalb einer Woche angestrebten Waffenruhe wirklich irgendeine Partei Interesse haben, dann wollen zumindest alle noch einmal Fakten und Geländegewinne schaffen. Das dürfte auch in Aleppo zu beobachten sein: Gehalten wird die Stadt von moderaten Assad-Gegnern, aber eben auch von Al-Nusra-Kämpfern. Schwer erträglich sei es, zu erleben, wie die Menschen dort mit einem Bombenteppich überzogen würden, während gleichzeitig in Gesprächen Vertrauen aufgebaut werden soll, sagte Von der Leyen in ihrer Rede. Dieser Schmerz wird so schnell nicht vorbeigehen.

Das diplomatische Kalkül hinter der Einigung von München, bewusst auf eine klare Frist zu verzichten, damit nicht nach deren Verstreichen gleich der ganze Plan hinfällig ist, wenn es nicht klappt – verständlich. Aber wie lange wird man sich dann der Illusion hingeben, es könne noch etwas werden? So groß wie die Skepsis ist, die aus allen Einlassungen von Diplomaten und Politikern spricht: vielleicht nicht allzu lange. Aber was dann? Einen Plan B gibt es nicht. Und an den, der vorliegt, glauben die Vertreter der syrischen Opposition womöglich zu recht nicht.