Als UN-Vermittler Staffan de Mistura irgendwann ankündigte, dass es wohl noch 15 Minuten dauern würde, hatten die Journalisten bereits einige Stunden gewartet. Gelassen war er kurz in den Konferenzraum eines Münchner Luxushotels getreten, eine Hand in der Tasche. Zumindest schien die Suche nach einem Weg zum Frieden in Syrien nicht vollends festgefahren. Die Frage, ob es denn dann gute Nachrichten geben werde, hörte er schon nicht mehr.

Es sollte noch weitere eineinhalb Stunden dauern, bis die Syrien-Kontaktgruppe ihre Gespräche beendete. Und das Ergebnis ist zumindest keine schlechte Nachricht. Am Ende stellten die Außenminister der USA und Russlands, John Kerry und Sergej Lawrow, in der Nacht zu Freitag einen Plan vor, der in der Tat eine Hoffnung sein kann. Oder vielmehr: sein muss. Es gibt keinen anderen.

In den nächsten Tagen soll der Zugang für humanitäre Hilfe in großem Umfang ermöglicht werden, insbesondere in jenen syrischen Vierteln, Dörfern und Städten, wo die Menschen unter Belagerung hungern müssen und Not erleiden. Schon an diesem Freitag soll eine Arbeitsgruppe in Genf die nächsten Schritte angehen. Russland, die US-geführte Koalition gegen den "Islamischen Staat" und das syrische Regime sollen beispielsweise zusammenarbeiten, um Menschen aus der Luft zu versorgen. Lkw-Konvois der UN und Hilfsorganisationen sollen endlich durchgelassen werden – egal von welcher Kriegspartei.

Innerhalb einer Woche sollen die offensiven Kampfhandlungen heruntergefahren und letztlich eingestellt werden (abgesehen vom Kampf gegen den IS und gegen Al-Nusra), in der Hoffnung, durch weitere Anstrengungen daraus einen langfristigen und stabilen Waffenstillstand zu machen. Auch dies soll eine Arbeitsgruppe vorantreiben, die gemeinsam von den USA und Russland geleitet wird. Auch eine Koordination der militärischen Einsätze könnte es geben.

Die zuletzt nach wenigen Tagen bereits abgebrochenen Genfer Friedensverhandlungen zwischen syrischer Regierung und Opposition sollen dann möglichst schnell wieder aufgenommen werden – weiterhin mit dem Ziel, einen politischen Übergang zu organisieren. Ein Vertreter des Hohen Verhandlungskomitees der Regimegegner sagte in München: "Wir müssen sehen, dass tatsächlich etwas passiert. Wenn etwas passiert und wenn die Vereinbarungen umgesetzt werden, dann werden wir uns sehr bald in Genf sehen."

"Wir kennen die Erfahrungen der Vergangenheit"

So gut das alles klingt, so schwer ist es zu glauben, dass im fünften Jahr dieses Krieges, den inzwischen so viele Parteien weitertreiben, zum ersten Mal landesweit die Waffen schweigen sollen. Dass all die zersplitterten Rebellengruppen diesen Weg mitgehen und auch das syrische Regime seinen Teil erfüllt. Wenn Kerry sagt, dieser Plan habe das Potenzial, in Syrien etwas zu ändern, ist das schon ziemlich viel. Er sagte in München auch, es seien nur "Worte auf Papier", denen Taten folgen müssten. Ähnlich skeptisch formulierte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier: "Wir kennen die Erfahrungen der Vergangenheit."

Auf der einen Seite ist es eine Stärke dieses neuen Vorhabens, dass es eben kein bloßer Aufruf an die Konfliktparteien ist. Vielmehr verpflichten sich die 17 Länder der Kontaktgruppe, all ihre Mittel der Einflussnahme zu nutzen, um es möglich zu machen. Und klar sollte sein: Da saßen eben jene mit am Tisch, die diesen Konflikt immer mehr zum Stellvertreterkrieg gemacht haben. Sie haben es also durchaus in der Hand.

Auf der anderen Seite sind die Intentionen derer, die von außen die eine oder die andere Seite dieses Krieges unterstützen, nur schwer zu durchschauen. Allen voran Russland, das zuletzt mit massiven Bombardierungen eher wahllos gegen alle Gegner seines Verbündeten Assad vorgegangen war und den Regimekräften und ihren iranischen Helfern den Weg nach Aleppo freigebombt hatte. Die Vorwürfe, dabei unterscheide Russland nicht zwischen zivilen Opfern und Kämpfern, nannte Lawrow erneut eine Lüge.

Wer gegen Assad ist, kann nur ein Terrorist sein – das war bislang die Logik der russischen Intervention. Und selbstverständlich werde man trotz der Waffenruhe weiter den IS und die Al-Nusra-Front bombardieren, die ja auch von den UN als Terrororganisationen bezeichnet werden, sagte Lawrow in München. Nur war eben genau das auch bisher der Deckmantel für das Ziel, Assad mit Gewalt an der Macht zu halten. Da klingt es schon wieder ganz anders, wenn der russische Außenminister sagt: "Statt mit Fingern aufeinander zu zeigen, sollten wir uns klarmachen, dass wir einen gemeinsamen Feind haben."

Ob es dann wirklich so schnell geht, dass innerhalb einer Woche das Regime und alle Oppositionsgruppen der Waffenruhe zustimmen, ist äußerst fraglich. Assad respektive Russland und der Iran dürften ohnehin versuchen, noch einmal militärisch Fakten zu schaffen und Aleppo vollends einzuschließen. Vielleicht sogar in der Hoffnung, damit zu provozieren, dass auch ihre Gegner weiterkämpfen wollen. Für die Menschen in Syrien ist erst dann wirklich etwas gewonnen, wenn niemand mehr auf eine militärische Lösung setzt.

AFP/Getty
Wer kämpft in Syrien?

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Zerrissenes Land

Mehr als 250.000 Menschen sind in Syrien getötet worden, seit der Konflikt im Frühjahr 2011 als friedlicher Protest gegen die Regierung begann. Das Assad-Regime reagierte mit Gewalt, seine Gegner griffen zu den Waffen – heute herrscht Bürgerkrieg.

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Seit Beginn des Bürgerkriegs sind große Teile Syriens der Kontrolle des Regimes entglitten. Sie werden von unterschiedlichsten Milizen gehalten. Auch von außen erfahren die Kriegsparteien Unterstützung, und andere Länder greifen in den Krieg ein.

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AFP/Getty
Das Assad-Regime

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Geschwächt und zurückgedrängt

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