Schon lange kann Europa nicht mehr vorgeben, der Konflikt in Syrien sei ein weit entferntes Problem, das uns nichts angeht. Die Eskalation in Syrien von einem friedlichen Protest zu gewalttätiger Anarchie und Krieg von jedem gegen jeden hat weitgehende globale Auswirkungen, die sich in dem Andrang der verzweifelten Menschen, die vor der Gewalt fliehen und Sicherheit in Europa suchen ebenso zeigen, wie in der zunehmenden Terrorismusgefahr.

Es ist eine europäische Krise, doch unsere Regierungen haben jahrelang händeringend dabei zugesehen, wie sich die Lage verschlimmerte. In der Lücke, die durch unser Nichtstun und das Fehlen einer koheränten und koordinierten europäischen Antwort entstand, gießt Russland weiteres Öl ins Feuer und verschärft das Leiden.

Die Geberkonferenz in London ist für Syrien und die gesamte Region ein wichtiger Schritt. Premierminister David Cameron und Kanzlerin Angela Merkel führen gemeinsam den Vorsitz, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und viele politische Führer nehmen teil. Ihre oberste Priorität sollte sein, die Krise an ihren Wurzeln zu packen. 

Die Schwimmwesten, die sich in Griechenland, Italien und auf Zypern an den Küsten stapeln, erinnern an all diejenigen, die ihr Leben riskieren, um vor dem Inferno in Syrien nach Europa zu gelangen. Die Attentate in Paris haben ihren Ursprung auch im Chaos in Syrien. Die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland machen deutlich, dass Europa vor besonderen Herausforderungen steht. Deshalb kommt uns auch eine besondere Verantwortung dabei zu, die Konfliktursachen anzugehen. Wir können uns nicht verschanzen und auf die Kavallerie in Gestalt der USA warten: Die europäischen Staaten können sich nicht länger wegducken.

Bis jetzt haben die europäischen Regierungen – unsere mit eingeschlossen – in diesem Konflikt nicht mit einer gemeinsamen Stimme gesprochen. Die Zusammenarbeit ist labil, es gibt keine gemeinsame Strategie und es fehlt klar an nachhaltigem Druck, der aber nötig ist, um den Konflikt einzudämmen und Assads brutales Vorgehen zu beenden.

Während Moskau das Vakuum ausnutzt, das wir in Syrien hinterlassen haben, scheinen die USA bedacht darauf, eine Friedensvereinbarung durchzusetzen, die gefährlich asymmetrisch sein wird. Gefährlich ist auch die Entschlossenheit der Amerikaner, um jeden Preis eine Vereinbarung durchsetzen zu wollen. Deshalb werden sie Assad und seinen russischen Alliierten im Ernstfall zu viele Zugeständnisse machen. Das untergräbt die syrische Opposition, die sich von der internationalen Gemeinschaft verraten fühlt. Es verringert zudem die Chancen auf einen dauerhaften Frieden und verbannt den Schutz von Zivilisten praktisch aus dem Konferenzraum.

Dass Russland die Bombardierungen in Syrien während der Vorbereitung der Friedensgespräche intensiviert hat, zeigt die Sinnlosigkeit des US-Ansatzes und die Notwendigkeit einer härteren europäischen Antwort. Eine, die heute beginnen und an zwei Fronten ansetzen muss.

Erstens sollte Europa zusammenarbeiten, sollten unsere Regierungen ihr gemeinsames diplomatisches Gewicht in den Dienst einer Suche nach einer politischen Lösung des Syrienkonflikts stellen. Der Fokus darf nicht nur auf der Bekämpfung des IS liegen. Der "Islamische Staat" und Assad sind keine voneinander getrennten Probleme. Die Brutalität des Assad-Regimes hat den Extremismus befeuert und ihm Unterstützer zugeführt. Die Regierungen Großbritanniens und Deutschlands haben großen Druck ausgeübt, damit die Friedensgespräche unter diesen Umständen stattfinden. Jetzt müssen sie eine führende und konstruktive Rolle dabei spielen, eine friedlichen Lösung zu finden.

Bis zu eine Million Syrer von Hilfslieferungen abgeschnitten

Zweitens dürfen wir dem Assad-Regime das Verletzen humanitären Völkerrechts nicht länger durchgehen lassen. Vor wenigen Wochen nahm die Welt endlich Notiz von der Notlage der Zivilisten in der belagerten Stadt Madaja. Sechs Monate lang hatten das syrische Regime und seine Verbündeten 42.000 Menschen belagert und ausgehungert. Um zu überleben, haben viele Menschen Pflanzen, Insekten und Katzen gegessen. Obwohl im Dezember ein kleiner Durchbruch mit Hilfslieferungen erzielt wurde, dauert das Leiden der Menschen bis heute an. So hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen diese Woche den Tod weiterer 16 Toter in der Stadt gemeldet. Und die Zivilisten in Madaja sind nicht die einzigen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben 400.000 Syrer unter Belagerung. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Siege Watch sind es sogar über eine Million Menschen, denen der Zugang zu internationaler Hilfe bewusst und systematisch als Mittel der Kriegsführung verwehrt wird.

Alle Mitglieder des UN-Sicherheitsrates, einschließlich Russland, haben ein Ende der Belagerung und Bombardierung von Zivilisten gefordert. Das muss sich in den Verhandlung widerspiegeln. Wenn die Vereinten Nationen keinen dauerhaften humanitären Zugang für alle Belagerten verhandeln können, sollten unsere Regierungen schnell damit beginnen, humanitäre Hilfslieferungen aus der Luft zu planen.

Der Gedanke, Vertrauen aufbauen zu können, während die syrische Regierung und einige oppositionelle Gruppen die systematische Tötung und das Aushungern von Zivilisten weiter betreiben, ist absurd. Weite Teile der syrischen Zivilbevölkerung haben klar und deutlich erklärt, Friedensgespräche seien in ihren Augen unglaubwürdig, solange diese mittelalterliche Kriegsführung des Regimes nicht aufhöre. Deshalb werden Vereinbarungen keinen Bestand haben, wenn nichts getan wird, um die humanitäre Lage der vielen leidenden Syrer zu verbessern. Denn dann werden weitere Teile der sunnitischen Bevölkerung auf Distanz gehen und sich eher dem IS annähern als einer Verhandlungslösung für diesen Krieg.

Europa kann sich vor dieser Herausforderung nicht länger wegducken. Unsere Regierungen müssen sich mutig, unnachgiebig und vereint zeigen. Alles darunter wird den Syrienkonflikt nur weiter anheizen und die Menschen in die Flucht oder in die Arme des Extremismus treiben. Und ganz besonders für Europa bedeutet das eine Verschärfung der Flüchtlingskrise und eine größere Bedrohung durch Terrorismus.