Die gemäßigte syrische Opposition weckt erhebliche Zweifel am Erfolg des Waffenstillstands. Die Waffenruhe stehe vor dem Aus, heißt es in einer Mitteilung: "Wir haben es nicht mit einer Verletzung der Feuerpause zu tun, sondern mit einer kompletten Annullierung", sagte der Vorsitzende der Verhandlungsdelegation, Asaad al-Subi, dem Fernsehsender Al-Arabija al-Hadath. "Die Waffenruhe ist gescheitert, noch ehe sie wirklich begonnen hat."

Das Regime um den syrischen Machthaber Baschar al-Assad und die Rebellen hatten vergangene Woche den von den USA und Russland vereinbarten Plan für eine zweiwöchige Waffenruhe angenommen. Davon ausgenommen sind allerdings Angriffe gegen die radikalen Islamisten vom "Islamischen Staat"  und der Al-Nusra-Front. Diese Ausnahmeregelungen sehen gemäßigtere Aufständische skeptisch. Sie befürchten, dass die Regierungstruppen und Russland unter dieser Bedingung auch sie selbst weiter unter Feuer nehmen.

Berichte von einigen Rebellengruppen zeigen, dass diese Befürchtungen offenbar eingetreten sind. "Besonders die russischen Flugzeuge fliegen heute schwere Luftangriffe", sagte ein Kommandeur der Einheit Norddivision, die zur Freien Syrischen Armee gehört. Und ein Kämpfer der Adschnad al-Scham-Gruppe sagte, im Nordwesten Syriens hätten die Regierungstruppen einige Dörfer beschossen. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Kämpfer aus Aleppo, wonach die Gewalt in der Stadt zwar insgesamt abgenommen habe, es aber immer noch viele Verstöße gebe und die Leute pessimistisch seien.

"Weitgehend stabil"

Das Hohe Verhandlungskomitee (HNC), ein Zusammenschluss bewaffneter und ziviler Gegner der syrischen Regierung, hatte sich bereits am Sonntag schriftlich bei UN-Generalsekretär Ban Ki Moon über Verletzungen der Waffenruhe durch die syrische Armee und die mit ihr verbündete russische Luftwaffe beschwert. Russland hatte wiederum Verletzungen der Waffenruhe durch die Gegenseite ins Feld geführt. "Die Lage ist instabil", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. "Es war klar, dass es nicht leicht wird."

In Genf sind deshalb am Nachmittag Vertreter der Staaten zusammenkommen, die die Feuerpause ausgehandelt hatten. Unter dem Vorsitz Russlands und der USA wollen sie über die Verstöße beraten. "Wir brauchen eine Erklärung der Russen zu den Angriffen am Sonntag", sagte ein westlicher Diplomat.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der ebenfalls in Genf anwesend ist, wertete die Waffenruhe hingegen trotz einiger Zwischenfälle als weitgehend stabil. Die Vereinten Nationen hoffen, dass diese Feuerpause ein erster Schritt zu einem umfassenderen Waffenstillstand sein wird. In der kommenden Woche sollen parallel die Anfang Februar unterbrochenen Friedensverhandlungen zwischen syrischer Regierung und Opposition in Genf wieder aufgenommen werden.

Hilfsorganisationen befürchten Tausende Hungertote

Die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen betonten noch einmal, wie wichtig die Waffenruhe für die Menschen vor Ort, vor allem in den belagerten Städten und Dörfern ist. Demnach konnten noch immer Tausende Menschen nicht von Hilfskonvois erreicht werden und sind deshalb vom Hungertod bedroht. Insgesamt säßen 450.000 Menschen in den belagerten Städten fest, sagte UN-Hochkommissar Seid Rad al-Hussein. Hilfslieferungen seien wiederholt blockiert worden. Zudem seien mindestens zehn Kliniken und Gesundheitseinrichtungen dieses Jahr bei Angriffen beschädigt worden.

Zumindest 150.000 Menschen sollen in den kommenden fünf Tagen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden. Erstmals sind dabei auch Hilfslieferungen in der vom Regime eingekreisten Stadt Muadamija südwestlich der Hauptstadt Damaskus eingetroffen. Wie der Rote Halbmond mitteilte, erreichten zehn Lastwagen mit Hilfsgütern wie Decken und Hygieneartikeln die Stadt.