Mit russischer Unterstützung rücken syrische Regierungstruppen, Einheiten der libanesischen Hisbollah und Pro-Assad-Milizen in Aleppo vor. Menschenrechtsorganisationen zufolge sind bei den Gefechten rund um die lange von Rebellen kontrollierte Stadt allein in den vergangenen Tagen Hunderte Menschen ums Leben gekommen, darunter viele Zivilisten.

Zehntausende sind vor den russischen Luftangriffen auf der Flucht. Laut Schätzungen harren noch immer etwa 300.000 Menschen in den von Rebellen kontrollierten Vierteln aus. Wir haben aus der Berliner ZEIT-ONLINE-Redaktion heraus viele Male versucht, den syrischen Journalisten Zouhir al Shimale in Aleppo per Telefon zu erreichen. Doch das Telefonnetz funktioniert kaum, es gibt keine stabile Verbindung. Nun erreichte uns eine E-Mail von Zouhir, die wir hier veröffentlichen.

"Ich lebe im Bezirk Saif al Dola. Hier wohnten mal sehr viele Familien. Jetzt aber fliehen alle aus der Stadt. Die Busse und Autos sind vollgestopft, alle wollen nur noch weg hier. Mit jeder Stunde wird mein Viertel leerer. Die Menschen haben Todesangst, es ist furchtbar. Trotzdem bleibe ich hier. Das ist meine Heimat. Ich fürchte mittlerweile gar nichts mehr, auch nicht den Tod. 

Heute bin ich meine Straße entlanggelaufen. Ich kann kaum beschreiben wie ich mich fühle, wenn ich sehe, wie still es ist. Die Stände auf den Märkten sind leer gefegt, Aleppo ist eine Geisterstadt.

Ich wohne gerade mit einigen Aktivisten in einem Haus zusammen, viele arbeiten als Journalisten oder Menschenrechtler. Wir wachen morgens schon mit dem Geräusch der Luftangriffe auf. Es ist ein unfassbarer Lärm, wenn die Militärflugzeuge im Tiefflug über uns hinwegdonnern. Nach den Bombenangriffen ist es erst totenstill. Dann beginnt das Geschrei der Menschen. 

Aleppo: Verwüstungen im Bürgerkrieg

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Aleppo, Syrien, Krieg
26. Februar 2013: Seit mehreren Monaten finden in Aleppo schwere Kämpfe statt. Rebellengruppen versuchen, die zweitgrößte Stadt Syriens unter ihre Kontrolle zu bringen. Noch sind die Altstadtbereiche rund um die Zitadelle relativ intakt.
Aleppo, Syrien, Krieg
15. Dezember 2014: Das Satellitenbild zeigt schwere Verwüstungen und Bombenkrater. Südlich und westlich der Zitadelle liegen ganze Gebäudezüge in Schutt und Asche, darunter auch die ehemalige Chusrawiyya-Moschee.

Wir wissen nicht immer sofort, wer getroffen wurde, ob unser Viertel oder unser Nachbarviertel. Alle rennen durcheinander, um zu sehen, ob es Tote oder Verletzte gibt. Falls Ja, helfen wir, die Verwundeten zu versorgen oder die Leichen zu bergen. Falls niemand getroffen wurde, schlafen wir weiter oder gehen zur Arbeit. Das klingt verrückt? Wir brauchen diese Normalität. Sonst würden wir unseren Verstand verlieren.

Alle haben Angst, dass wir bald nichts mehr zu essen haben

Der Journalist Zouhir al Shimale © privat

Gestern sah ich wie ein Junge in unserer Straße mit seinem Rad Slalom fuhr. Er hatte großen Spaß. Und das, obwohl zur gleichen Zeit ein Flugzeug über uns hinweg donnerte. Vielleicht haben wir uns einfach an den Horror gewöhnt. Seit fünf Jahren erleben wir Gewalt, Terror und Massaker, sehen Leichen und Zerstörung. Und doch war es noch nie so schlimm wie jetzt. Alle sind jetzt in Aleppo: Kämpfer der Freien Syrischen Armee, Islamisten der Nusra-Front, an der Front tobt das Regime von Assad mit Unterstützung der Russen. Und sie kommen immer näher.

Wir versuchen soweit es geht weiterzuleben. Die Menschen gehen zur Arbeit, verkaufen Essen, Tee und Kaffee, reparieren kaputte Autos oder Häuser. In der vergangenen Woche haben wir jeden Tag zu jeder Stunde die Flugzeuge gehört. Sie kommen in Schwärmen. Dann stürzen die Menschen auf die Straße und schauen in den Himmel, um zu sehen, wo die nächste Bombe einschlägt.

Aleppo in Syrien

Aleppo liegt im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkisch-Syrische Grenze ist ca. 45 km entfernt.

Gestern ist eine Rakete im Nachbarviertel eingeschlagen. Dort gibt es einen großen öffentlichen Platz mit vielen Frauen und Kindern. Mehr als 30 Menschen starben, etliche wurden schwer verletzt. Die Anwohner haben danach den Platz vom Blut und den Überresten der Toten gereinigt. Danach haben die Leute weitergearbeitet. Das ist unser Alltag.

Noch kann ich Wasser, Milch und Fleisch im Laden am Ende unserer Straße kaufen. Wie lange es noch Lebensmittel gibt, weiß ich nicht. Alle haben Angst, dass wir bald nichts mehr zu essen haben, es kein Trinkwasser mehr geben wird, keine Elektrizität. Nach und nach schließen die Läden und die Besitzer fliehen. Die, die bleiben, verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Die meisten sind zu arm, um in die Türkei zu fliehen. Andere wollen nicht weg. Das hier sei doch ihr Land, sagen sie. Sie müssten doch ausharren. Der Fleischverkäufer, ein Bekannter, sagt, er wolle nicht das Leben seiner Familie riskieren, um an der Grenze von der türkischen Polizei erschossen zu werden. Er sagt: "Dann sterbe ich lieber hier zu Hause. Das ist Gottes Wille!" Das ist auch meine Meinung.