Raafat al-Assaf campiert unter einem Olivenbaum. Der 20-jährige Verkäufer aus dem syrischen Aleppo sitzt auf einer Decke auf dem Boden, raucht und wartet. Der junge Mann besitzt nur noch die Kleidung an seinem Leib, und ein Handy – doch mit dem kann er seine Liebsten nicht erreichen. Deswegen will er wieder nach Syrien, oder zumindest in das Flüchtlingslager auf der anderen Seite, in dem seine Familie lebt.

"Erdoğan hat gesagt, wir seien willkommen, aber warum dürfen die Syrer jetzt nicht mehr kommen?", fragt er. al-Assaf wartet unweit des Grenzübergangs Öncüpınar in der türkischen Stadt Kilis unter freiem Himmel darauf, dass er zurückkann. "Meine Schwester und meine Mutter sind alleine drüben, ich mache mir große Sorgen", sagt er und beißt sich auf die Lippen.

Rund 130.000 Menschen lebten in der gleichnamigen Provinz Kilis nahe der syrischen Grenze, mittlerweile sind fast genauso viele Flüchtlinge hier. Kilis ist die türkische Flüchtlingsstadt schlechthin. Wer durch die Straßen läuft, hört mancherorts mehr Arabisch als Türkisch, syrische Kinder ohne Schuhe verkaufen an diesen Wintertagen am Busbahnhof Kekse.

Einheimische erzählen, dass die Mieten in die Höhe geschnellt und die Syrer eine belastende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt geworden seien. "Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in Syrien und nicht in der Türkei", sagt der Obsthändler Cemal Altan. "Wohin wir hier schauen, überall sind Syrer." Aber die Menschen in Kilis sprechen auch immer wieder von der Solidarität den "muslimischen Brüdern und Schwestern" gegenüber und fordern dringend Hilfe aus Europa. Denn die Zahl der Flüchtlinge steigt von Stunde zu Stunde.

Mit dem Vorrücken von Baschar al-Assads Truppen im Norden mit Unterstützung von Wladimir Putins Bomben und den Luftangriffen Ankaras gegen kurdische Stellungen im Norden des Gebiets machen sich weitere Zehntausende auf den Weg Richtung türkischer Grenze.

Doch das große eiserner Tor in Öncüpınar bleibt für Flüchtlinge geschlossen. Lediglich türkische Lastwagen dürfen rüber nach Syrien, um Hilfsgüter und Baumaterial zu liefern – und nur kranke oder verwundete Syrer dürfen herüber auf türkischen Boden, um hier behandelt zu werden. So fährt hin und wieder eine Ambulanz mit einem grünen Halbmond auf der Autotür am Grenzübergang Öncüpınar hin und her.

Aleppo in Syrien

Aleppo liegt im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkisch-Syrische Grenze ist ca. 45 km entfernt.

Im Krankenhaus von Kilis liegt die 24-jährige Safiye al-Sham. Sie hat in Aleppo die Bombardierung ihres Hauses verletzt überlebt und wurde von ihrem Mann an die Grenze getragen. "Ich bin jetzt nur in Sicherheit, weil ich fast gestorben wäre", sagt sie mit einem bitteren Lächeln. "Warum lassen uns die Türken nicht ins Land? Warum müssen wir alle sterben?", fragt sie und weint. Auch ihre Eltern durften nicht mit herüber, sie werden mit den rund 50.000 Flüchtlingen auf syrischem Gebiet, in einer Pufferzone, versorgt. Die meisten haben nur das dabei, was sie vor ihrer Flucht rasch einpacken konnten. Und jetzt stecken die traumatisierten Menschen fest, weil sie nicht zurückkönnen und nicht vorwärts dürfen.

Syrien - Türkei lässt nur verletzte Syrer einreisen Nach den Angriffen auf Aleppo warten Zehntausende Menschen an der syrisch-türkischen Grenze auf Einlass. Derzeit lässt die Türkei nur Verletzte einreisen, unter ihnen Mohamad, ein Mitglied der Freien Syrischen Armee.