Gut möglich, dass die Feuerpause nicht hält, die an diesem Samstag in Syrien beginnen soll. Nach all den entsetzlichen Verbrechen grenzte es an ein Wunder, würden die Waffen tatsächlich von einem Tag auf den anderen schweigen.

Und doch ist die Vereinbarung, die Amerikaner und Russen erzielt haben, ein Sieg der Diplomatie, ein Funken Hoffnung in der Düsternis der syrischen Barbarei.

Für die Apokalyptiker unter uns ist es natürlich schwer zu akzeptieren, dass so etwas wie ein diplomatischer Erfolg überhaupt möglich sein sollte. Als wäre der reale Horror nicht groß genug, steigern sie sich in immer furchterregendere Szenarien hinein.

Etwa der Spiegel der vergangenen Woche. Mitten in einer faktenreichen Analyse zur neuerlichen Eskalation der Gewalt im Nahen Osten steht da plötzlich der Satz: "Der Krieg in Syrien ist vom Bürgerkrieg zum Weltkrieg geworden."

Weltkrieg! Einfach mal so hingeschrieben, starke Pointe. In Wahrheit ein Satz ohne Sinn und Verstand, den der verantwortliche Redakteur ganz schnell wieder aus dem Manuskript hätte streichen sollen.

Wilder noch treibt es die Welt am Sonntag. "Das Drehbuch zum Weltkrieg", titelt sie vorigen Sonntag auf Seite 1 und zeigt Chamenei, Assad, Putin, Erdoğan, Obama und Saudi-Arabiens König Salman vor lodernden Flammen und schwarzem Rauch. Die Welt brennt und diese sechs, so scheint es, haben sie gemeinsam mit dem "Islamischen Staat", dessen Kämpfer unten am Bildrand aufmarschieren, in Brand gesetzt.

Ein Flammenmeer auch im Inneren des Blattes. Es umhüllt Putin, Assad, Erdoğan und Obama. Kampfbomber stürzen sich aus der Kriegshölle dem Leser entgegen – es ist ein einziges Inferno. "Stell dir vor, es gibt Krieg", lautet die Überschrift zu dem Artikel, in dem der Autor die "Kreativen unter den strategischen Denkern Amerikas" nach ihren Szenarien befragt, wie wohl der nächste Weltkrieg beginnen wird.

Das liest sich dann so: Putin könnte "auf die Idee kommen, im Baltikum eine zweite Front zu eröffnen. Um Druck von seinen Truppen in Syrien zu nehmen – und weil die Russen im Baltikum weit besser aufgestellt sind als der Westen. (...) Das könnte ein schleichender Angriff mit 'grünen Männchen' sein, um dem Westen die Folterwerkzeuge zu zeigen."

Einen Trost immerhin hält der Autor für seine Leser bereit: "Ein dritter Weltkrieg würde also wohl nicht in totaler Vernichtung enden. Er würde vielmehr geführt, um Machtgewichte in der Welt neu auszutarieren."

Geht's noch? Mit dem Weltkrieg spielt man nicht, möchte man den Kollegen zurufen und sie in die Journalistenschule zurückschicken. Die Leiden des syrischen Volkes sind furchtbar genug. Warum muss sich mancher in der Zunft in weit schlimmere Dimensionen der Gewalt hinein fantasieren?

Dem Frieden eine Chance geben

Es scheint dringend geboten, die Debatte zu enthysterisieren. Anzeichen dazu gibt es. Der russische Premierminister Dmitri Medwedew warnte auf der Münchner Sicherheitskonferenz zwar: "Wir sind abgerutscht in eine neue Zeit des Kalten Krieges." Aber er sagte in seiner Rede auch: "Es gibt heute nicht so große Unterschiede wie vor 40 Jahren bei der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki." Damals existierte die Sowjetunion noch, zementierte das atomare Patt die Teilung Europas. Und heute: Da gibt es den Warschauer Pakt nicht mehr, vielmehr tagen in Warschau demnächst die Staats- und Regierungschefs der Nato.

Ebenfalls in München hat der amerikanische Außenminister John Kerry eine bemerkenswerte Rede gehalten und die geschichtlichen Dimensionen ein wenig zurechtgerückt. Vor 100 Jahren habe die Schlacht von Verdun begonnen, in einem Krieg, in dem einer von fünf deutschen und französischen Männern starb. Vor 75 Jahren seien die Menschen in Europa vor dem Faschismus geflohen, der schließlich im Holocaust endete.

Vor 50 Jahren, auch daran erinnerte Kerry, habe halb Europa hinter dem Eisernen Vorhang gelebt und vor einem Vierteljahrhundert habe der Kontinent die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan erlebt. Daran gemessen sei der jetzige historische Augenblick "nicht so alles überwältigend, wie die Leute meinen. Wir wissen, was zu tun ist und, am wichtigsten, wir haben die Macht, es zu tun".

Da hatte Kerry schon viele Stunden mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow und 15 weiteren Außenministern zusammengesessen und um eine Waffenruhe in Syrien gerungen.

Jetzt soll die Feuerpause tatsächlich kommen. Ob sie halten wird? Man wird sehen. Aber man sollte dem Frieden wenigstens eine Chance geben. Statt die Furien des Krieges immer ungeduldiger zu entfesseln – und sei es nur auf dem Computer in der Redaktionsstube.