ZEIT ONLINE: In die Genfer Syriengespräche sind viele Erwartungen gesetzt worden. Nun wurden sie gleich für längere Zeit unterbrochen, stattdessen setzt das Assad-Regime mit Unterstützung russischer Bomber seinen Vormarsch auf Rebellenhochburgen fort. Konterkariert das nicht alle diplomatischen Bemühungen und zerstört die Hoffnungen auf einen Waffenstillstand?

Gernot Erler: Die Bombenangriffe sind mehr als ein Stolperstein für die Genfer Gespräche. Und es gibt weltweit Übereinstimmung, dass Russland für den Abbruch der Gespräche eine Mitverantwortung trägt. Auch für das menschliche Leid, das dadurch entstanden ist.

ZEIT ONLINE: Hofft denn Assad nach Ihrer Ansicht, mithilfe der russischen Bomber und iranischer Einheiten große Teile des Landes zurückerobern zu können, bevor es irgendwann zu einer Einigung bei den Syriengesprächen kommt?

Erler: Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach den Erfahrungen von fünf Jahren Bürgerkrieg irgendjemand die Hoffnung hat, diese Auseinandersetzung noch mit militärischen Mitteln gewinnen zu können. Das ist völlig ausgeschlossen. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass Assad und Moskau glauben, sie könnten durch militärische Operationen die Verhandlungsposition von Assad und auch der russischen Seite verbessern.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt dabei Russland? Eine aktive?

Erler: Eindeutig. Ohne die sehr, sehr intensiven russischen Luftangriffe in und um Aleppo herum wären diese Geländegewinne nicht machbar gewesen. Russland bekennt sich ja auch dazu und sagt deutlich, dass das berechtigt sei, um zu Erfolgen zu kommen. Es gibt aber eine UN-Resolution vom Dezember letzten Jahres, in der alle militärischen Operationen gegen Zivilisten und zivile Einrichtungen strikt ausgeschlossen werden.

ZEIT ONLINE: Darum scheint sich die Regierung in Russland nicht zu scheren, auch wenn sie immer wieder das Gegenteil behauptet.

Erler: Nach den Berichten von Beobachtern und den ausgelösten Flüchtlingsströmen sind eindeutig auch zivile Ziele getroffen worden.

ZEIT ONLINE: Welche Ziele verfolgt Putin in diesem Konflikt?

Erler: Er hat schon sehr viel erreicht. Er hat sich durch die Luftangriffe in die Rolle eines Global Players hineinkatapultiert, der von Amerika auf Augenhöhe behandelt werden muss. Die ganze politische Klasse in Russland feiert das als einen Riesenerfolg. Aber es ist ein schizophrener Ansatz zu glauben, man könnte auf der einen Seite verlustreiche militärische Erfolge gegen bestimmte Oppositionsgruppen erreichen und diese gleichzeitig an den Verhandlungstisch bekommen, um eine politische Lösung zu erreichen.

ZEIT ONLINE: Was müsste der Westen jetzt tun?

Erler: Es müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, um massiv auf Russland einzuwirken, umgehend die Luftangriffe einzustellen.

ZEIT ONLINE: Was kann der Westen tun, um eine weitere Eskalation des Krieges und damit auch die Vertreibung von Millionen weiterer Flüchtlinge zu stoppen? Militärisches wohl kaum – sonst käme es zu einer direkten Konfrontation zwischen Russland und den USA.

Erler: Die Möglichkeit einer direkten Konfrontation muss man schon ernst nehmen. Die syrischen Truppen nähern sich inzwischen der türkischen Grenze, wo es auf syrischer Seite türkische Einrichtungen für Flüchtlinge gibt. In Ankara ist besprochen worden, dass da jetzt auch deutsche Hilfsorganisationen helfen sollen, die Vertriebenen auf syrischem Gebiet zu versorgen. In dieser Gemengelage kann es jederzeit zu einem Konflikt zwischen Russland und der Türkei kommen. Das bilaterale Verhältnis ist ja seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets im November schon denkbar schlecht. Das muss man auch in Moskau ernst nehmen.