Die syrische Stadt Turmanin nach einem russischen Luftangriff © Ammar Abdullah/Reuters

Selbst die guten Nachrichten über Syrien klingen inzwischen wie der pure Zynismus. In einer Woche soll in Syrien ein Waffenstillstand eintreten und im großen Stil die humanitäre Versorgung der Zivilbevölkerung beginnen. Darauf haben sich jedenfalls die 17 Mitgliedsländer der International Syria Support Group (ISSG) am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz geeinigt – allen voran die Außenminister Russlands und der USA, Sergej Lawrow und John Kerry.

Sofort folgte aber die Einschränkung: der Angriff auf den "Islamischen Staat" und die mit Al-Kaida verbündete Al-Nusra-Front, sagte Lawrow, würde natürlich weitergehen. Genau unter dem Vorwand den IS anzugreifen, hatte die russische Luftwaffe vergangenen September in den Syrien-Krieg direkt interveniert. Doch die russischen Bomben trafen in erster Linie keine IS-Stellungen, sondern Gebiete der Anti-Assad-Opposition.

679 Zivilisten sollen nach Angaben des Syrian Network for Human Rights (SN4HR) allein im Januar 2016 durch russische Militärschläge getötet worden sein. Im selben Zeitraum sind 101 Menschen durch Kämpfer vom IS oder der Al-Nusra-Front umgebracht worden. (Das SN4HR dokumentiert mit Hilfe lokaler Mitarbeiter Menschenrechtsverletzungen aller Kriegsparteien und dient unter anderem den Vereinten Nationen als Quelle für ihre Lageberichte.)

Keine Antwort von Abdulsattar, Raed, Firas und Huda

Über diese Zahlen und Nachrichten würde ich gern mit Abdulsattar sprechen. Oder mit Raed, Firas, Huda – Syrerinnen und Syrer, die ich vor drei Monaten kennengelernt habe. Nicht persönlich, sondern über Facebook und Skype. Ich wollte Menschen porträtieren, die trotz Bomben und Belagerung in ihrem Land ausharrten. In der deutschen Presse redete man damals nur von den Syrern, die fliehen, aber nicht von denen, die bleiben.

"Flucht ist keine Option" hieß der Artikel, erschienen in der ZEIT (44/2015). Eine Geschichte über jene Syrerinnen und Syrer, die in der internationalen Berichterstattung wie auch in der Diplomatie ignoriert oder für unwichtig gehalten werden: Lehrer, Studenten, Mediziner, Fabrikarbeiter, die seit Jahren in den vom Regime befreiten und vom IS freien Gebieten ihre Städte und Dörfer selbst verwalten. Je nachdem, wer das Gebiet kontrolliert – die Freie Syrische Armee (FSA), lokale kleinere Milizen, islamistische Fraktionen oder eine Kombination aus allen –, müssen sie sich gegen Religionsdiktate und Mafiamethoden ihrer Beschützer wehren. Trotz alledem war ein alternatives Leben zu den Diktaturen von Assad und Kalifat möglich.

Englischkurse in den Bombenpausen

Und jetzt – nach monatelangem Flächenbombardements durch die russische Luftwaffe und dem Vormarsch von Pro-Regime-Truppen?

Abdulsattar Sharaf hatte vor dem Krieg eine Apotheke in Erbin, einer Stadt in der östlichen Ghuta. So nennt man einen Teil des Vorortgürtels rund um Damaskus. Die östliche Ghuta hatte sich früh von Assad befreit, wird inzwischen von islamistischen Milizen dominiert und vom Regime belagert. Trotzdem organisieren die Leute dort Schulen und Hospitäler – unter der Erde, um einigermaßen geschützt zu sein. Seit Jahren wird dort die Bevölkerung von den Fassbomben des Assad-Regimes terrorisiert. Abdulsattar gehört einem Basiskomitee an, das mehrere Schulen in Erbin betreibt. Nicht weit davon entfernt, in Duma, dem Schauplatz der Giftgasangriffe, bei denen 2013 über 100 Menschen starben, lebt Huda. Sie leitet ein Frauenzentrum, bietet Französisch- und Englischkurse an – wann immer eine Bombenpause es erlaubt.

Massive Bombardements

Abdulsattar und Huda erzählten mir im November, dass mit dem Beginn der russischen Intervention sich die Bombardements wie auch deren Sprengkraft massiv verschärft hatten. Derzeit sind die beiden nicht erreichbar, weder per Skype oder Whatsapp noch per Telefon. Abdulsattar postet weiterhin auf seiner Facebook-Seite die Titelseiten der englischen Bücher, die er liest. Und er stellt Aufnahmen bombardierter Straßenzüge ins Netz, Appelle für Impfstoffe, weil es in Erbin so gut wie keine Medikamente mehr gibt. Dass er Zugang zum Internet hat, bedeutet, dass es in Erbin immer noch Strom gibt. Was wiederum bedeutet, dass die "Dieselmacher" weiterarbeiten: Männer, die Plastikabfall zerschneiden, bei über 100 Grad erhitzen und daraus Dieseltreibstoff gewinnen. Ein Desaster für ihre Lungen und die nähere Umwelt. Aber der einzige Weg, in den Zeiten der Belagerung Strom zu erzeugen.

Firas al-Said lebt in Talbiseh, wenige Kilometer von Homs entfernt und seit 2011 unter Kontrolle der FSA. Es waren Anti-Assad-Rebellen gewesen, die den vorrückenden IS 2014 aus der Region wieder vertrieben haben. Trotzdem nahm die russische Luftwaffe Talbiseh als einen der ersten Orte ihrer Bombenkampagne ins Visier. Firas hat früher mal englische Literatur studiert, jetzt gehört er im eingekesselten Talbiseh zum örtlichen Medienkomitee. Auch er reagiert derzeit nicht auf Anfragen auf Facebook. Aber er postet alle paar Stunden ein Video von russischen Bombenangriffen. Oder lässt sich dabei filmen, wie er die Überreste russischer Streubombenmunition zeigt, deren Einsatz das russische Verteidigungsministerium bestreitet. So weiß man wenigstens, dass er noch am Leben ist.