Schnell wich die Hoffnung dem Argwohn. Siebzehn Staaten hatten sich vergangene Woche zu Beginn der 52. Münchner Sicherheitskonferenz unter Führung der USA und Russlands auf eine Feuerpause in Syrien geeinigt. Ihr gemeinsames Versprechen: Spätestens in sieben Tagen sollen alle Waffen ruhen, damit so schnell wie möglich Hilfe zu den eingekesselten Menschen in Aleppo und in einigen anderen Städten gelangen kann.

Drei Tage später, am Ende der Tagung: Die Hilfskonvois sind startbereit, doch statt weniger wird mehr geschossen. Auch Russlands Luftwaffe bombardiert nach wie vor Aleppo, damit die verbündeten Truppen des Assad-Regimes weiter vorrücken können. Jeder will sich möglichst viele strategische Vorteile sichern.

Das Abkommen sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, ereiferte sich der amerikanische Senator John McCain in München. Ein Vertrag ohne Sanktionsklauseln für Rechtsbrecher sei das Papier nicht wert. Russland sei nicht zu trauen. Von einem außenpolitischen Falken wie ihm war auch keine andere Antwort zu erwarten. Doch McCain könnte in diesem Fall Recht haben.

Leider, muss man sagen. Denn Russland will demonstrieren, dass es immer noch eine Weltmacht ist. Wo immer sich das ermüdete Amerika aus einem Konflikt zurückzieht und eine machtpolitische Lücke entsteht, springt Russland hinein und macht sich breit.

Russlands nationales Interesse in Syrien

Mit sicherem Gespür erkannte Wladimir Putin seine Chance in Syrien. Warum also sollte er gerade jetzt, da sein Kampfeinsatz allmählich erste Erfolge bringt, die Waffen schweigen lassen? Dank des russischen Bombenteppichs verbuchen Assads Truppen erstmals wieder Geländegewinne. Wegen der todbringenden Bomben fliehen weiter massenhaft Syrer nach Europa und treiben zu Moskaus klammheimlicher Freude die verhasste EU immer tiefer in die Existenzkrise.

Vor Kurzem noch spielte Russland im Nahen Osten keine Rolle. Jetzt führt kein Weg mehr an dem Kremlherrscher vorbei. Bevor Putin diese neue Schlüsselstellung nicht zementiert hat, wird er nicht einlenken. Sein Premier Medwedew lieferte in München dafür das Argument: In Syrien, sagte er in erschreckender Offenheit, verteidige Russland sein eigenes nationales Interesse.

Keine Lösung ohne Russland

Man mag dieses brutale Machtspiel zu Recht beklagen. Man kann auch wie John McCain wieder und wieder die vielen Fehler der Amerikaner, der Europäer und anderer aufzählen. Aber was bringt das? Tatsache ist, dass es im Syrien-Krieg ohne Russland – und damit auch ohne den Menschheitsverbrecher Assad – keine Lösung geben wird. Mit dieser bitteren Wahrheit wird man sich wohl oder übel einstweilen abfinden müssen. "The new normal" nannte man das in München.

Die Einsicht in unverrückbare Realitäten ist eine Lehre der 52. Sicherheitskonferenz. Selten ist diese alljährliche Versammlung ein Quell bahnbrechender Ideen oder großer diplomatischer Durchbrüche. Aber sie bietet stets die ganz große Bühne für ein paar Stunden Anschauungsunterricht in Weltpolitik. In aller Deutlichkeit offenbaren sich hier Chancen wie Begrenzungen, Hoffnungen wie Enttäuschungen, guter Wille wie Verlogenheit. Jedes Jahr aufs Neue stoßen in München Realitätseinsicht und Realitätsverweigerung, Visionen und Zynismus hart aufeinander.

Putins furchterregende Erfolge

Die Realitätseinsicht 2016: Russland mag zwar wegen der Sanktionen und des niedrigen Öl- und Gaspreises ökonomisch schwer angeschlagen sein. Doch mit geradezu furchterregendem Erfolg führt der Kremlherrscher seit einigen Jahren vor, wie man mit militärischer Potenz ein Machtvakuum füllt und seinen globalen Einfluss vergrößert. Georgien machte 2008 den Anfang, es folgten die Ukraine und Syrien.

Lehrstunde in Zynismus: Losgelöst von allen Begleitumständen, sozusagen im sterilen Raum, hat Premier Medwedew sogar recht mit seiner Behauptung: "Die Welt kann sich kein weiteres Libyen, Jemen und Afghanistan leisten." Doch aus seinem Mund ist diese Botschaft vergiftet. Russland will die Welt nicht vor dem Chaos retten und die Syrer nicht vor Tod und Unrecht schützen. Die Regierung in Moskau nutzt die Instabilität allein zu egoistischen Zwecken: Sie will um jeden Preis demonstrieren, dass Russland immer noch eine Weltmacht ist.

Losgelöst von allem machte Saudi-Arabiens Außenminister seine Position deutlich. Mit sanfter Stimme und Unschuldsmiene erzählte Adel bin Achmed al-Dschubeir in München, dass es Frauen im ultrastrengen Wahhabiten-Staat heute deutlich besser ergehe als je zuvor und dass sein Königreich ein moderner, friedliebender Staat sei, der nicht beabsichtige, fremde Länder zu besetzen. Bei Lichte betrachtet, herrschen in Riad jedoch skrupellose Potentaten, die Menschenrechte mit Füßen treten und, wo immer sie können, religiöse und politische Zwietracht säen. Reiche Saudis finanzieren radikale Imame auf dem Balkan und unterstützen sunnitisch-islamistische Terrorgruppen.

Ideenreichste Rede

Mut zu Visionen: Die ideenreichste Rede in München hielt Jordaniens König Abdullah. Im Angesicht von Terror und Millionen Flüchtlingen rief er Europa auf, ein Bollwerk der Freiheit, des Wohlstands und der Toleranz zu bleiben. Der Haschemitenkönig wurde konkret: Die EU müsse aus den islamisch geprägten Staaten in ihrer Nachbarschaft, aus Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Albanien prosperierende Gemeinwesen machen. Dort, sagte er, verlaufe Europas "Frontlinie" gegen den mörderischen Extremismus.

Ein Beispiel der Realitätsverweigerung: Auf der Münchner Konferenz ging es darum, Fluchtursachen zu bekämpfen, den islamistischen Terrorismus an der Wurzel zu packen, Not leidenden Menschen eine Zukunft zu verschaffen, kurzum: den Begriff der Sicherheit nicht nur auf das Militärische und Polizeiliche zu reduzieren.

An den Folgen von Krieg und Terror tragen besonders die Frauen schwer. Und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft begeben sich vor allem junge Menschen auf die Flucht. Doch auf der 52. Münchner Sicherheitskonferenz führten mehrheitlich Männer das Wort, in vielen Debatten sogar ausschließlich. Die meisten waren weiß und viele von ihnen betagt.

Die Versammlung in Sachen Weltpolitik ist wichtig. Doch will sie wichtig bleiben, muss sie sich ändern.