Jean-Pierre Filiu ist einer der einflussreichsten Vordenker der französischen Nahost-Politik. Er war viele Jahre als Diplomat in Syrien, er lehrt heute an der Elite-Uni Science Po, er berät den Élysée-Palast, fast täglich. Er ist kein Büromensch. Er trägt Anorak und Rucksack,  ist öfter im Libanon und Ägypten als daheim. Jetzt aber bittet der Professor zum Tee auf einer maghrebinischen Buchmesse, die gerade in den alten Festsälen des Pariser Rathauses stattfindet. "Sehen Sie die vielen arabischen Schriftsteller hier! Für uns Franzosen sind die Araber Realität, keine Abstraktion", sagt Filiu, als wolle er sagen, für andere Europäer sei das nicht so.

Dabei ändert sich das in Deutschland gerade. Für viele Deutsche, die in ihren Gemeinden syrische Flüchtlinge empfangen, sind die Araber heute sehr wohl Realität. Doch das sieht der Professor nicht. Seine Gedanken sind jetzt in Aleppo, er kennt diese Stadt auswendig, er liebt sie, hat dort Freunde. "Aleppo ist eine der ältesten Städte der Welt, sie hat unsere urbane Zivilisation mitbegründet", doziert er. "Wenn sie fällt, verlieren wir einen Teil unserer eigenen Geschichte." Für den bevorstehenden Fall von Aleppo aber hält Filiu alle anderen, nur nicht Frankreich verantwortlich: "Frankreich hat eine klare Linie in Syrien, aber wir sind damit in Europa und der ganzen Welt allein." Frankreich, sagt er, würde intervenieren, Aleppo retten.

Schon im Sommer 2013 wollte Frankreich militärisch eingreifen, als das Regime von Diktator Baschar al-Assad Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzte. Doch die USA machten nicht mit. Sie tragen aus französischer Sicht auch heute die Verantwortung dafür, dass nichts passiert. Die Amerikaner könnten jetzt in Syrien die Luftherrschaft von den Russen zurückerobern. Filiu würde das befürworten, das schwerwiegende Risiko eines Großmachtkonflikts, ja eines Weltkrieges, ist für ihn offenbar zweitrangig. Er ist wütend, frustriert: "Nur Frankreich hat eine Syrienpolitik, Europa hat keine. Um in Syrien nichts zu tun, zahlt Europa, zahlt für die Flüchtlinge. Aber es ist einfacher, zu zahlen, als eine politische Linie zu verfolgen."

Solche Worte kaschieren jedoch nur dürftig das französische Interesse, in Syrien weiter die Sonderrolle der ehemaligen Kolonialmacht zu spielen und sich von der Softpower der EU nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Auch glaubt die französische Regierung weiter, ihr Militär könnte in Syrien noch eine mitentscheidende Rolle übernehmen. Auch deshalb will Paris nun unbedingt an zwei Fronten kämpfen: zugleich gegen die Islamisten des "Islamischen Staates" (IS) und gegen den Diktator Baschar al-Assad. Weder IS noch Assad, lautet die Devise der Pariser Politik.  "Wir haben keine andere Wahl. Sonst wird uns Syrien nicht loslassen", postuliert Filiu.

Ach, Frankreich! Willst du jetzt in Syrien die Menschenrechte retten? Haben dich die Attentate des 13. Novembers so verwirrt, dass du nur noch an Krieg denkst?

Tatsächlich schütteln die meisten Außenpolitiker in Washington und Berlin heute den Kopf über die unbelehrbaren Franzosen. Filiu personifiziert für sie genau den Typ, den sie nicht mehr ernst nehmen können. Einer der glaubt, alles besser zu wissen, aber nichts zur konkreten Lösung der Probleme beiträgt. Zum Beispiel zur Lösung der Flüchtlingskrise.

"Wir hätten Rakka einnehmen müssen"

Joseph Bahout, Nahost-Experte mit französischen Wurzeln der Washingtoner Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden, hat beobachtet, wie sich amerikanische und französische Politik im Nahen Osten zuletzt immer weiter entzweiten. "Paris sagt immer noch, was Washington früher sagte, aber Washington hat sich geändert", analysiert Bahout. Er spielt auf die Bush-Ära an. Tatsächlich sehen sich viele Franzosen nach den Attentaten vom 13. November, wo sich die Amerikaner nach dem 11. September sahen.

"Nach dem 11. September haben wir Kandahar eingenommen, nach dem 13. November hätten wir Rakka einnehmen müssen", erklärt Filiu in Paris. Genau das aber will das heutige Washington nicht hören. Weshalb Außenminister John Kerry derzeit in der Syrienfrage enger mit den Russen als mit den Franzosen zusammenzuarbeiten scheint. "Washington lässt Frankreich außen vor", registriert Bahout. Dabei gibt es gar keinen Zweifel, dass im State Department Frankreichs Rolle im Nahen Osten und Afrika grundsätzlich hochgeschätzt wird. Viel war in letzter Zeit davon die Rede, dass Frankreich Großbritannien als engsten Verbündeten der USA in diesen Regionen ersetzt habe. Doch seit dem 13. November ist etwas zerbrochen: "Washington glaubt, dass die Franzosen zu weit gegangen sind", sagt Bahout.

Deutschland geht auf Distanz

Ganz ähnlich klingt das in Berlin. Wer glaubt denn heute noch, dass sich ohne Russland und den Iran in Syrien etwas bewerkstelligen lasse? Nur die Franzosen, sagen deutsche Diplomaten. Unrealistisch sei das! Ronja Kempin, Frankreich-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP), kritisiert stellvertretend für die deutsche Außenpolitik den "französischen Aktivismus" in Syrien. Da wäre man nach dem 13. November in Paris erst ganz begeistert vom Engagement der Russen in Syrien gewesen, weil man sie nach dem russischen Flugzeugabsturz über dem Sinai auf der eigenen Seite glaubte. "Träumt weiter!" hätte man da in Berlin gesagt, so Kempin. Heute aber wollten die Franzosen in Syrien angesichts der Zustände in Aleppo gleich Krieg gegen die Russen führen. "Heute so, morgen so!", sagt Kempin. Seriöse Außenpolitik ist für sie etwas anderes. Aus deutscher Sicht steckt sie gerade in den vielen EU-Programmen im Nahen Osten, die in Frankreich viele als Geldbeutel-Politik abtun.

Was also tun mit den Franzosen? "Wenn es früher um Syrien ging, sagte die ganze Welt: Das ist euer Problem!", erinnert sich Syrien-Kenner Filiu. Richtig ist: Frankreich hat als ehemalige Kolonialmacht des Landes den stärksten westlichen Footprint in Syrien. Kein anderes westliches Land ist heute so gut über die moderate syrische Opposition informiert wie Frankreich. Wahrscheinlich haben US-Präsident und Bundeskanzlerin auch keinen Nahost-Berater, der so viele syrische Schriftsteller und Intellektuelle kennt wie Filiu. Schon möchte man im Élysée-Palast erreichen, dass François Hollande und Angela Merkel in nächster Zeit die syrische Opposition gemeinsam empfangen. Doch wozu? Gemessen an der harten Realpolitik, die Russland derzeit dem Westen in Syrien aufzwingt, wäre das wirkungslose Symbolpolitik.

Natürlich sollte niemand den Wert von Frankreichs Sonderbeziehung zu Syrien unterschätzen. Wenn sich demnächst Hunderttausende Syrer in Deutschland integrieren, werden die Deutschen deren kulturelle Herkunft und Geistesgeschichte vor allem auf französischen Umwegen studieren. Doch was zählt das in diesem Krieg? "In Syrien entscheiden heute die Großmächte. Da fallen die Franzosen raus. Das ist extrem bitter für sie", resümiert Kempin in Berlin. Eine Bitterkeit, die Frankreich offenbar daran hindert, dort anzupacken, wo es am einfachsten ist: bei den syrischen Flüchtlingen. Denn: Wer Aleppo nicht retten kann, sollte deshalb nicht gleich die beleidigte Weltmacht spielen.