Ob in Regierungssitzen, Medien oder sozialen Netzwerken, die Diskussion in Europa dreht sich vor allem um eines: Flüchtlinge. Die knappe Million Menschen, die in seeuntüchtigen Booten auf griechischen Inseln ankamen, bestimmen die öffentliche Debatte im gesamten Kontinent — nur nicht dort, wo am meisten von ihnen leben.

Mit 2,5 Millionen beheimatet die Türkei mehr syrische Kriegsflüchtlinge als jedes andere Land. Etwa 40.000 harren derzeit an einem türkischen Grenzübergang aus, vertrieben aus Aleppo von einer syrischen Regierungsoffensive. Wird die überrannt, könnten bis zu eine Million nordwärts Richtung Türkei fliehen. Schlagzeilenmaterial ist das jedoch höchstens für einen Tag.

In den türkischen Medien fiel die Berichterstattung im Vergleich zu Deutschland klein aus, als am heutigen Montag Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Ankara flog um mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu über mögliche Lösungen der Flüchtlingsfrage zu sprechen. Typisch: Für Gesprächsstoff sorgte schließlich nicht Merkel selbst, sondern der Vorwurf eines deutschen Journalisten bei der Pressekonferenz, Merkel kritisiere die Menschenrechtslage in der Türkei kaum noch. Davutoğlu entgegnete, dass es ein Zeichen türkischer Toleranz und Demokratie sei, eine solche Frage, die eher ein "politisches Statement" wäre, überhaupt zuzulassen.

Dass Merkel die türkische Regierung weiter umwirbt, stieß auch in der Türkei auf Kritik. So titelte etwa die Zeitung Cumhuriyet auf Deutsch: "Journalisten sind im Gefängnis. Wissen Sie es nicht?" Can Dündar, der Chefredakteur von Cumhuriyet, sitzt seit November in Untersuchungshaft.

Das zeigt, wie unterschiedlich die Prioritäten in der deutschen und in der türkischen Öffentlichkeit sind. Wenn sich die große Koalition in Berlin noch auf eines einigen kann, dann darauf, dass die engere Kooperation mit der Türkei der wichtigste Schritt ist, um die Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge zu reduzieren. In Ankara aber gibt es gerade Wichtigeres als eine drängende deutsche Kanzlerin.

Weil der Konflikt im kurdischen Südosten des Landes eskaliert, bekommt die Flüchtlingskrise immer weniger Aufmerksamkeit von der türkischen Regierung. Weite Teile Europas mögen Flüchtlinge als Bedrohung wahrnehmen — doch für Ankara kommt die größte Gefahr nicht von außerhalb, sondern innerhalb der Türkei.

Radikalisierte jungen Kurden, die mit AK-47s in Stadtzentren Autonomie fordern, haben den jahrzehntelangen Guerillakrieg zwischen dem Staat und der Kurdischen Arbeiterpartei PKK in brutale Straßenkämpfe verwandelt. Das Militär hat ganze Städte zu Sperrgebieten erklärt; immer öfter geraten Zivilisten zwischen die Fronten.

Der Staat hat noch andere interne Gruppen zu bekämpfen: verschiedene linksradikale Terrorgruppen, IS-Zellen, oder etwa die Anhänger von Erdoğans Erzfeind Fethullah Gülen; aber auch regierungskritische Juristen, Akademiker, Studenten und Journalisten, die Erdoğan beleidigen.