Eine Demonstration gegen die Goldmine in der türkischen Provinz Artvin am 23. Februar © Yasin Akgul/AFP/Getty Images

Im Nordosten der Türkei protestieren Tausende Anwohner und Aktivisten gegen den Bau einer Goldmine. Sie fürchten, dass das Projekt die Umwelt schädigt. In dieser Woche hat die türkische regierungsnahe Presse die deutsche Organisation Kultur & Art beschuldigt, für die Proteste mitverantwortlich zu sein. Wir haben mit einem Mitarbeiter des Vereins gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Arslan, sie arbeiten für die Initiative Kultur & Art, was macht diese Initiative in der Türkei?

Levent Arslan: Wir sind ein gemeinnütziger Verein und machen seit zwölf Jahren Kunst- und Kulturprojekte in vielen Ländern. In der EU, in der Türkei, aber auch auf den Karibischen Inseln und Jamaika. Wir bieten medienpädagogische Workshops und internationale Jugendbegegnungen an, in Zusammenarbeit mit Vereinen vor Ort. Außerdem veranstalten wir ein Kurzfilmfestival in Detmold, wo wir unsere Basis haben.  

In der Türkei arbeiten wir seit mehr als zehn Jahren, im Rahmen mehrerer EU-Programme, und veranstalten Kurzfilmfestivals, Straßentheater-Festivals, Karneval- und Kurzfilm-Workshops. Im Projekt Get your own picture zum Beispiel drehen türkische Studenten und  deutsche Filmstudenten der Hochschule Babelsberg in 10 Tagen ihre eigenen Filme zum Thema "Europäer sein". Das Programm will Solidarität über Grenzen hinweg vermitteln und junge Menschen anregen, diese auch aktiv zu leben.

ZEIT ONLINE: Diese Woche haben alle regierungstreuen Zeitungen auf ihren Titelseiten Ihre Organisation bezichtigt, die Proteste gegen eine Goldmine im Nordosten des Landes mit angezettelt zu haben. Angeblich sei ihr Ziel, die Regierung zu destabilisieren.

Arslan: Diese Vorwürfe sind absurd. Wir sind unparteiisch. Die regierungstreuen Medien aber stellen uns als Bildungsstätte für türkische Aktivisten dar, unser Ziel sei es, die Türkei politisch zu destabilisieren. Uns wurde in Bezug auf die Goldmine vorgeworfen, "die 2. Gezi-Proteste" mit angezettelt zu haben.

Im Kern geht es darum, dass angeblich türkische Umweltaktivisten zu uns nach Detmold kommen und wir sie dann schulen, damit sie die Türkei "ins Chaos stürzen". So würde das türkische Volk vermeintlich zum Spielball deutscher Imperialpolitik, die das Land destabilisieren will.

ZEIT ONLINE: Waren denn türkische Aktivisten in Detmold?

Arslan: Wir haben ein Projekt mit dem "Ankara Film Festival" gemacht und dazu Umweltschützer und die Journalisten der lokalen Umweltpresse aus der türkischen Schwarzmeerregion im November 2015 eingeladen. Unter den Teilnehmern befand sich auch die Vorsitzende des Vereins Grünes Artvin, Nur Neşe Karahan. Sie engagiert sich bereits seit 20 Jahren gegen den Bau der Gold- und Kupfermiene in Cerattepe und wurde vergangene Woche von der türkischen Polizei inhaftiert.

Wir haben dieses Austauschprojekt in vollkommener Transparenz durchgeführt, es entspricht wie alle unsere Projekte den EU-Richtlinien.  Alles ist im  Internet zu finden, sogar Fotos von den Veranstaltungen. Aber die regierungstreuen Medien stellten alles so dar, als wären sie auf geheime Akten gestoßen.

Wir stiften keine Unruhen und bilden auch keine Spezialkräfte von Umweltaktivisten aus. Wir verfolgen auch nicht das Ziel, das Volk, das seit Hunderten Jahren dort lebt, zu mobilisieren, ihre Umwelt zu schützen. Sie tun das selbstständig. Dazu braucht man sie nicht extra anzuzetteln.

ZEIT ONLINE: Hatten sie zuvor schon mit türkischen Behörden Probleme?

Arslan: Nein.

ZEIT ONLINE: Was bedeutete diese öffentliche Anklage für Sie?

Arslan: Es gibt in der Türkei viele Menschen, die allem Glauben schenken was ihnen die dominierenden Medien präsentieren. Solche frei erfundenen Medienberichte schaden unserem öffentlichen Image erheblich. Wir müssen in dieser politischen Lage abwägen, ob wir überhaupt noch Projekte in der Türkei durchführen können. Die Stimmung ist sehr angeheizt, wir fürchten um die Sicherheit unserer Mitarbeiter.

ZEIT ONLINE: Was bezweckt die türkische Regierung Ihrer Meinung nach mit dieser Kampagne gegen deutsche Organisationen?

Arslan: Wir können nicht direkt beurteilen, ob dies eine Kampagne der Regierung ist. Wir sehen nur, wie regierungstreue Medienorgane Rufmord gegen uns betreiben.

Ziel ist offenbar, der Bevölkerung zu vermitteln, dass jeder Demonstrant ein Vaterlandsverräter ist und Spion für ausländische Interessen.