Nullkommadrei. Der Vorsprung, mit dem Hillary Clinton in der vergangenen Nacht die Vorwahlen von Iowa gewonnen hat, ist so dünn wie das Haupthaar von Bernie Sanders. Wer ist hier Gewinner, wer Verlierer bei 49,9 zu 49,6 Prozent?

Im Clinton-Lager heißt es im Laufe des Abends: Wir haben gewonnen. Team Bernie hüstelt: Wir haben nicht verloren, sind fast gleichauf: also auch gewonnen, irgendwie. Dass die Wahl keine klare Angelegenheit für die Favoritin Clinton sein würde, wurde schnell klar, als die Zwischenstände nach Auszählung der ersten Stimmen durchgegeben wurden – Clinton und Sanders, waren bei den Demokraten beinahe auf Augenhöhe. Später am Abend wird Clinton sagen: "Bei dieser Wahl steht einiges auf dem Spiel." Was sie damit meinte, war: für das Land. Was sie eigentlich sagte: für ihre Karriere. 

Secret Service am Eingangsbereich

Iowa ist ein seltsamer Zirkus im politischen Spiel um das Weiße Haus. Das sogenannte Caucus-Wahlsystem, mit dem Iowa abstimmt, sieht vor, dass die Wähler sich um sieben Uhr abends in ihren Bezirkswahllokalen einfinden. Ein offizieller Vertreter hält ein Kurzplädoyer für den jeweiligen Kandidaten und anschließend wird gewählt. Im Olmsted Center, auf dem Campus der Drake University in Iowas Hauptstadt Des Moines, soll um 21 Uhr die Wahlparty der Clintons steigen. 

Kurz erklärt - So funktionieren die US-Wahlen Iowa hat am 1. Februar als erster US-Bundesstaat über die Präsidentschaftsbewerber von Demokraten und Republikanern abgestimmt. Doch der Weg vom Vorwahlauftakt im Mittleren Westen bis zum entscheidenden Duell um das Weiße Haus ist noch lang.

Bevor die Hillary-Anhänger Einlass erhielten, suchte der Secret Service den Eingangsbereich der Halle ab. Währenddessen tauchte Martin O’Malley in einem Wahllokal nur zweihundert Meter entfernt von der Clinton-Fete auf. So close, yet so far: Der vorher in den Umfragen an dritter Stelle weit abgeschlagene O’Malley hielt vor den potentiellen Wählern sein Kurzplädoyer persönlich. Am Ende des Abends fallen gerade einmal 0,6 Prozent aller Stimmen auf ihn ab. Wäre der immer etwas zu enthusiastische Politiker ein rhetorischer Granatwerfer wie Trump, würde die Welt vielleicht seinen Namen kennen. So gibt er ein paar Stunden später bekannt, dass er aus dem Rennen um die Nominierung ausscheidet. 

"Clinton muss sich nicht bei Putin vorstellen"

Die kalte Abendluft ist feucht. Noch geht es nicht sonderlich fröhlich zu in der Schlange zur Clinton-Party, in der auch Nisha Patel steht: "Gratis dies, gratis das – soll ich Ihnen sagen, wie viel Bock ein republikanisch geführter Kongress hat, mit einem Sozialisten zusammenzuarbeiten? Null. Nullkommanull." Der Ladenbesitzer, vor 30 Jahren aus Bangladesch in die USA ausgewandert, kann sich leidenschaftlich über Bernie Sanders, den selbst ernannten Sozialisten und 74 Jahre alten Gegenkandidaten aufregen. Vor einer halben Stunde hat Patel seine Stimme Clinton gegeben. "Hillary hat das Format, das wir jetzt brauchen, um die internationalen Beziehungen der USA wieder zu stärken. Jeder kennt sie", sagt er. "Bei Putin muss sie sich zumindest nicht mehr vorstellen." 

Dass Clinton vielleicht sogar etwas zu gut mit gewissen Leuten kann, befürchten wiederum andere Wähler. "Wenn Sie mich fragen, steigt Hillary doch mit der Wall Street ins Bett. Bernie Sanders ist sein eigener Mann, der lässt sich nicht von Konzernen kaufen." Theresa MacBell, pensionierte Lehrerin aus Des Moines, ist nur durch Zufall auf dem Weg von ihrem Wahllokal an der Clinton-Schlange vorbeigelaufen. "Ich habe mein Leben lang für die Republikaner gestimmt. Aber dieses Mal sind all die Kandidaten schrecklich, einfach nur schrecklich. Die Kampagnen waren alle so negativ und hasserfüllt, dass ich mich bei den Demokraten umgucken musste. Bernie is my guy."

Selbst wenn Sanders weniger Stimmen als Clinton bekommen hat, kann er dennoch einen riesigen Erfolg feiern: Er hat die gängigen Mechanismen des US-Wahlkampfs ausgetrickst. Clinton, die etablierteste, erfahrenste Figur in dieser hoch gehandelten Aufführung, die die Vorwahlen in Iowa nun einmal sind, hat mit diesem Endergebnis kaum mehr erreicht als der vor ein paar Monaten noch namenlose Linksaußen-Kandidat, der im Schnitt gerade einmal 27 Dollar pro Spende einnimmt. Doch mit 3,2 Millionen Einzelspendern reicht er dennoch fast an Clintons Gesamteinnahmen heran. 

"Das Ergebnis ist für uns ein Warnschuss"

Gewonnen ist gewonnen, lautet die Politikbetriebsfloskel nach Wahlen. Auch in den USA. "Hauptsache ist, wir stehen an erster Stelle", sagt eine von Clintons Wahlhelferinnen auf der Party. "Dass das Ergebnis dermaßen knapp ausfällt, ist für uns ein Warnschuss. Wir müssen nächste Woche in New Hampshire alles in die Waagschale werfen."

Auf seiner Abschlusskundgebung einen Tag vor der Wahl hatte Sanders mit heiserer Stimme selbst noch einmal versucht, seinen Anhängern frische Luft für den Endspurt gegen Clinton zuzufächeln: "Die Milliardäre können sich nicht überall bedienen. Zwei, drei Jobs, Überstunden, aber unterbezahlt – das amerikanische Volk hat ein gutes Recht, wütend zu sein. Wir müssen aufstehen und endlich sagen: Genug ist genug! Ich zähle auf Eure Stimme!"