ZEIT ONLINE: Der "Islamische Staat" will in Syrien und dem Irak die Macht erringen. Stellt er auch eine Gefahr für Israel dar?

Mosche Jaalon: Im vergangenen Jahr haben wir allein 40 IS-Anhänger unter den israelischen Arabern festgenommen. Im Westjordanland gibt es Dutzende, im Gazastreifen Hunderte.

ZEIT ONLINE: Aber da hat doch die radikalislamische Hamas das Sagen.

Jaalon: Ja, auf der einen Seite sind die IS-Kämpfer Feinde der Hamas, auf der anderen Seite braucht die Hamas sie, um Waffen über die ägyptische Sinai-Halbinsel in den Gazastreifen zu schmuggeln. So kommt es zur Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen auf dem Sinai, während Hamas wiederum innerhalb des Gazastreifens gegen den IS kämpft.

ZEIT ONLINE: Israel ist umringt von instabilen Staaten wie Syrien, dem Irak oder Ägypten, in denen Machtkämpfe toben zwischen radikalen Sunniten, Schiiten, säkularen Milizen und dem Militär. Welche Gruppierungen sind Israel feindlich gesonnen?

Jaalon: Da ist zum einen die schiitische Achse, angeführt vom Iran und auch Syriens Präsident Baschar al-Assad. Hinzu kommen der Libanon und die Huthis im Jemen und andere schiitische Elemente im Golf. Sie alle sind uns sehr feindlich gesonnen. Und dann ist da das sunnitische Lager der radikalen Muslimbruderschaft. Hierzu zählt "Hamastan" im Gazastreifen, Katar und auf eine bestimmte Weise auch die Türkei.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie denn auf die Türkei? Hat die Muslimbruderschaft da wirklich viel Einfluss oder übertreiben Sie nicht?

Jaalon: Die Türkei wird von einem Anhänger der Muslimbruderschaft regiert, Präsident Erdoğan. Außerdem gibt es natürlich in der Region sunnitische Dschihadisten-Gruppen wie die Al-Nusra-Front und den IS. Der IS wird besiegt werden, wenn man sich die Koalition ansieht, die gegen ihn kämpft. Aber der Iran wird die Situation ausnutzen, dass die ganze Welt sich auf den IS konzentriert.

ZEIT ONLINE: Klingt nach sehr vielen Feinden. Wie reagieren Sie darauf?

Jaalon: Wir glauben daran, dass wir und die USA hier die gleichen Interessen haben. Der Iran ist ein gemeinsamer Feind, so wie die schiitische Achse und auch die Dschihadisten. Ich glaube an diese gemeinsamen Interessen und nicht an Friedenskonferenzen. Sie können sich vorstellen, was die Konsequenzen dieser gemeinsamen Interessen sein können.

ZEIT ONLINE: Sie klingen trotzdem sehr gelassen. Beunruhigt Sie die Lage nicht?

Jaalon: Früher war immer die Rede vom israelisch-arabischen Konflikt. Das ist passé. Heute ist es nur noch der israelisch-palästinensische Konflikt. Und es gibt neue Chancen. Nicht die ganze Region leidet unter dem islamischen Winter. Es bieten sich Möglichkeiten mit den arabischen Ländern.

ZEIT ONLINE: Deuten Sie eine Kooperation mit sunnitischen Ländern an?

Jaalon: Lassen wir diese Frage für heute offen.

ZEIT ONLINE:  Nach dem Atomvertrag mit dem Iran haben die EU und die USA ihre Sanktionen gegen das Regime in Teheran aufgehoben. Ist die Gefahr an dieser Front nicht wenigstens gebannt?

Jaalon: Wir müssen dieses Regime sehr aufmerksam beobachten, wenn es um das Nuklearprojekt geht. Wird es sich an das Abkommen halten? Am Anfang wird es das vielleicht versuchen, aber ich bin nicht sicher, dass das für die ganzen 10 Jahre gelten wird. Teheran hat diesem Abkommen zugestimmt, wegen des wirtschaftlichen Drucks. Wenn dieser nachlässt, sich die ökonomische Lage bessert, könnte es sein, dass das Regime noch vor Ablauf der 10 Jahre den Vertrag bricht. Ich hoffe, dass alle Länder des Westens sehr aufmerksam und genau hinsehen werden.