Eine syrische Familie in ihrer Unterkunft in Beirut © Spencer Platt/Getty Images

Deutschlands politische Landschaft verändert sich. Die Diskussion darüber, wie wir mit den Herausforderungen der Flüchtlingskrise umgehen, verschärft sich. Es sind entscheidende Wochen und Monate für unser Land. Die mittelfristigen Folgen der Verschiebung unserer Parteienlandschaft sind kaum abzuschätzen. Werden ganze Länder nahezu unregierbar, weil bisher geltende Bündnisregeln zu keinen Mehrheiten mehr führen?

Im Zentrum steht der Umgang der Politik mit dem gewaltigen Flüchtlingsstrom, der gen Europa unterwegs ist. Die sinkenden Zahlen derjenigen, die in diesen Tagen bei uns ankommen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Problem nicht auflöst oder entspannt. Wir sehen die Bilder aus Griechenland, die zeigen, dass entlang der Route nach Deutschland ein Stau von Tausenden Menschen entsteht, die einen Weg suchen und finden werden, um den elenden Bedingungen vor den Zäunen von Idomeni und anderer menschenfeindlicher Orte zu entkommen.

Aber nicht nur das. Nach wie vor ist Europa, ist Deutschland der Ort der Hoffnung für die Menschen im Nahen Osten, die nur eines wollen: Raus aus der Hölle des Krieges.  Hier dagegen dominieren Debatten um Clausnitz, AfD, Pegida – oder auch die Diskussionen innerhalb der Regierung um den richtigen Umgang mit der Flüchtlingskrise.

Idomeni - Flüchtlinge kritisieren Vorgehen mazedonischer Grenzschützer Mazedonien hat nach eigenen Angaben rund 1.500 Migranten, die versucht hatten über die grüne Grenze zu kommen, nach Griechenland zurückgeschickt. Im Notlager Idomeni sitzen weiter mehr als 12.000 Menschen fest.

Sicher, in den großen arabischen Medien gab es zu all dem Berichte und Analysen. Aber die Aufmerksamkeit, die diese Nachrichten erfahren, hält sich deutlich in Grenzen. Die Schlagzeilen der vergangenen Monate wurden bestimmt von der Politik der "Bawab maftuha", der "offenen Tore" Deutschlands. Die Selfies der Kanzlerin mit Flüchtlingen, die Bilder von der umjubelten Ankunft von Flüchtlingen am Hauptbahnhof in München: Diese Eindrücke waren so mächtig, dass sie bis heute fortwirken. Die Macht der Bilder heißt: Idomeni ist nicht Passau. Slowenien nicht Bayern. Die inhumanen Bilder aus anderen Teilen Europas werden nicht auf Deutschland übertragen. Deswegen bringen die Nachrichten aus Idomeni auch kaum jemanden davon ab, nach Deutschland fliehen zu wollen.

In Deutschland sind sich inzwischen fast alle politischen Akteure darin einig, dass die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, begrenzt werden solle. Aber sich darauf zu verlassen, dass das, was wir in Deutschland politisch kommunizieren, auch vor Ort in den Flüchtlingslagern Jordaniens und des Libanon ankommt – im Sinne eines "Bleibt, wo ihr seid!" – geht nicht auf. Für die Medien der arabischen Welt ist das zu komplex: Die deutsche Politik, die gegen die Schließung der Balkanroute ist, aber gleichzeitig weniger Flüchtlinge will. Die deutschen Parteien, in denen Seehofer, Klöckner, Merkel, Gabriel, Wagenknecht und viele andere mit jeweils anderen Nuancen zu diesem Thema an die Öffentlichkeit treten – das lässt sich dem durchschnittlich gebildeten arabischen Zuschauer nicht vermitteln.

"Menschenrechte: Ja. Noch mehr Flüchtlinge: Nein."

Gleichzeitig gilt: Politische Kommunikation in der Region findet eigentlich nicht statt. Vielleicht, weil die deutsche Regierung noch immer nicht weiß, was sie eigentlich genau kommunizieren will. Menschenrechte, Grundrecht auf Asyl: Ja. Aber noch mehr Flüchtlinge: Nein. Den Spagat in eine Botschaft zu gießen, die verständlich ist und das Bild von Deutschland in der Region ändert, wird schon schwierig. Mit ein paar Broschüren, ein paar Reden mit dem Inhalt "Kommen Sie nicht nach Deutschland", wie es Thomas de Maizière unlängst auf seiner Nordafrika-Reise tat, ist es nicht getan.

Aber WIE kommunizieren? Die Idee, Plakate mit abschreckenden Mahnungen in Afghanistan zu verbreiten, stieß auf geteiltes Echo. Aber immerhin: Es war mal etwas sichtbar vor Ort. Das Hauptverbreitungsmedium, über das sich Flüchtlinge erreichen lassen, ist das Internet, genauer gesagt, sind Social Media Kanäle wie Twitter und vor allem Facebook.

Als wir unsere Sendung Marhaba als Format fürs Internet starteten, waren wir nicht sicher, ob es uns gelingen würde, unsere Zielgruppe – arabische Flüchtlinge – wirklich zu erreichen. Immerhin sind wir ein deutsches Medium, das sich an deutsche Zuschauer richtet. Aber alleine dadurch, dass wir es auf Arabisch angeboten haben, wurden in Windeseile auch arabisch-stämmige Menschen auf die Videos aufmerksam. Dadurch hatten wir den Sprung geschafft in den Wahrnehmungsfokus von Flüchtlingen in Deutschland, Europa und dem Nahen Osten.

In arabischen Medien die deutsche Politik erklären

An den Reaktionen auf Marhaba habe ich auch gemerkt: Es gibt auch bei arabischen Medien einen riesigen Bedarf nach Menschen, die Deutschland und seine Politik erklären. Etwas unvermittelt fand ich mich bisweilen in dieser Rolle wieder, als Al-Jazeera, Sky News Arabiaund andere mit uns in Berlin drehen wollten und in Interviews die deutsche Politik erklärt haben wollten, statt nur über die Sendung zu sprechen. Mir wurde klar: Es gibt einfach keine Person, die diese Rolle für arabische Medien ausfüllt.

Ein deutscher Regierungssprecher, der Deutschen die deutsche Flüchtlingspolitik erklärt, ist selbstverständlich. Aber es bräuchte ein Gesicht, eine Person, die für alle relevanten Medien der Region als Referenz ansprechbar ist. Jemand, der nicht nur im Morgenmagazin von ARD oder ZDF auftaucht, sondern auch im Morgenmagazin bei Al-Arabiya (Sabah al-Arabiya) mit einem Millionenpublikum in allen Teilen der arabischen Welt darüber spricht, in Live-Interviews für Al-Jazeera. Jemand, der regelmäßig Pressegespräche in der Region gibt. Denn klar ist: Deutschland ist als Land medial so präsent wie eigentlich noch nie. Botschaften, die die deutsche Regierung klarer, als sie es jetzt tut, in der Region streut, würden auch bereitwillig aufgegriffen. Denn nach wie vor beobachten viele mit großer Neugier, ob der als "deutsches Experiment" genannte Weg der Kanzlerin funktioniert. Oder aber nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa in eine Krise stürzt.