Der junge Mann schaut mit leerem Blick in die Kamera. Kurzer Haarschnitt, Dreitagebart, T-Shirt: Khalid El Bakraoui wirkt unscheinbar. Doch sein Foto prangt auf einem Fahndungsaufruf, den Interpol im Netz eingestellt hat – lange vor den Anschlägen von Brüssel. Der Vorwurf: "Terrorismus".

Die Ermittler waren ihm dicht auf der Spur. Doch sie konnten ihn nicht aufhalten, so wenig wie seinen Bruder und die anderen Attentäter von Brüssel. Am Mittwoch gab die belgische Staatsanwaltschaft bekannt: Zwei Selbstmordattentäter der Terroranschläge in Brüssel sind identifiziert. Es sind die Brüder Ibrahim El Bakraoui und Khalid El Bakraoui, beide belgische Staatsbürger aus Brüssel. Die Polizei kennt sie schon lange.

Seit vergangener Woche wurden sie sogar öffentlich im Zusammenhang mit den Terroranschlägen im November 2015 in Paris gesucht – als mögliche Helfer der Attentäter von Paris. Sie sollen zum Umfeld des festgenommenen mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam gezählt haben.

Wie groß ist die Terrorzelle?

Setzen die Anschläge von Brüssel also die Attentate von Paris fort? Waren in Brüssel sogar die verbliebenen Mitglieder jener Terrorzelle am Werk, die in Paris mordete? Sollte das zutreffen, hätten sie die tödlichsten Anschläge in Frankreich und Belgien seit dem Zweiten Weltkrieg verübt. Zugleich stellt sich die Frage, warum die Terroristen nach den Attacken von Paris weitermachen konnte – und wie groß die Zelle nun noch ist.

Ibrahim El Bakraoui, 29 Jahre, wurde laut belgischer Staatsanwaltschaft anhand seiner Fingerabdrücke als einer der Selbstmordattentäter identifiziert, die sich am Dienstagmorgen um 7:58 Uhr am Flughafen Zaventem in die Luft jagten. Auf einem von den Behörden veröffentlichten Foto einer Überwachungskamera aus der Abflughalle sieht man den stämmigen Mann in der Mitte zwischen zwei anderen mutmaßlichen Attentätern, die zunächst noch nicht identifiziert wurden. Der linke könnte aber Najim Laachraoui sein, der Mann, der die zweite Bombe am Flughafen gezündet hatte. Alle drei schieben Trolleys vor sich her.

Ein Taxifahrer, der die drei Terroristen samt ihrer Sprengsätze zum Flughafen gefahren hatte, hatte sich am Dienstagnachmittag bei der Polizei gemeldet und die Fahnder auf die Spur der Täter geführt. Er hatte die Männer am Morgen in der Rue Max Roos im Stadtteil Schaerbeek abgeholt. Die Ermittler durchsuchten am Dienstagabend die Wohnung dort. Sie fanden eine Bombenwerkstatt: 15 Kilogramm des Sprengstoffs TATP, 150 Liter Aceton, Zünder und Koffer voller Nägel.

Ein Dokument der Verzweiflung

Aufschlussreich war auch ein Fundstück aus einer Mülltonne in der Nähe der Wohnung. Auf einem Laptop entdeckten die Ermittler ein Testament von Ibrahim El Bakraoui. Ein Dokument der Verzweiflung. Es lässt ahnen, dass die Razzien der vergangenen Woche, bei denen Salah Abdeslam geschnappt worden war, die Untergetauchten zur Tat getrieben haben könnten. So hinterlässt Ibrahim El Bakraoui "in aller Eile": Er wisse nicht mehr, was er tun solle. Er werde von allen gesucht, sei nicht mehr sicher. Wenn es so weitergehe, werde er in einer Gefängniszelle enden.

Statt der drohenden Festnahme entschieden sich die Brüder El Bakraoui offensichtlich für den Weg in den Tod.

Gut eine Stunde nach dem Selbstmordanschlag von Ibrahim El Bakraoui am Flughafen sprengt sich sein jüngerer Bruder Khalid El Bakraoui, 27 Jahre, im zweiten Wagen eines U-Bahn-Zuges an der Station Maelbeek im Europaviertel Brüssels in die Luft. Wie sein Bruder Ibrahim wurde er anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert.

Ibrahim und Khalid El Bakraoui waren den Behörden schon lange bekannt. Khalid El Bakraoui war wegen Autodiebstahls verfolgt und 2011 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, berichten belgische und französische Medien. Ibrahim El Bakraoui hatte im Januar 2010 mit einem Komplizen eine Wechselstube überfallen. Auf ihrer Flucht vor der Polizei schoss Ibrahim El Bakraoui mit einer Kalaschnikow auf die verfolgenden Polizisten.