Der russische Eisbrecher "Jausa" im Bosporus © Murad Sezer/Reuters

Trotz beschlossenen Teilabzugs aus Syrien bringt Russland offenbar mehr Militärmaterial nach Syrien, als es abtransportiert. Zu diesem Ergebnis kommt die Nachrichtenagentur Reuters nach einer Auswertung von Schiffsdaten, Hinweisen aus Marinekreisen und Fotografien russischer Schiffe, die den Bosporus vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer passiert haben.

Demnach gehe der sogenannte Syrien-Express, mit dem Russland seine Truppen beliefert, unvermindert weiter. Es sei nicht bekannt, was die Schiffe geladen hatten und was an Bord der Frachtflugzeuge war, die zusammen mit russischen Kampfjets aus Syrien abflogen. Das Fazit der Nachrichtenagentur: Es sei zwar eine Momentaufnahme, dennoch liege der Schluss nahe, dass Russland intensiv am Ausbau seiner militärischen Infrastruktur in Syrien und an der Aufrüstung der Armee des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad arbeite.

Als Beispiel führte Reuters den Marineeisbrecher Jausa an. Er diene als Teil des Syrien-Expresses der Versorgung des russischen Militärs in dem Bürgerkriegsland. Angesichts des Teilabzugbeschlusses sei erwartet worden, dass das Schiff in seinen Heimathafen in der Arktis zurückkehren würde. Doch drei Tage nach der Erklärung von Präsident Wladimir Putin über den Rückzug aus Syrien am 14. März sei die Jausa vom Schwarzmeerhafen Noworossijsk abermals nach Tartus ausgelaufen, dem russischen Marinestützpunkt in Syrien. Unklar sei, was das Schiff geladen habe. Es solle aber eine sehr schwere Fracht gewesen sein, denn die Jausa habe so tief im Wasser gelegen, dass seine Ladelinie kaum noch zu sehen war.

Zudem seien zwei weitere schwer beladene russische Kriegsschiffe im Mittelmeer mit Kurs auf Syrien gesichtet worden: die Landungsschiffe Caesar Kunikow und Saratow. Beide dienen dem Transport von Truppen und Ausrüstung.

Russische Militärbasen sollen ausgebaut werden

Russland betreibt in Syrien neben dem Marinestützpunkt Tartus auch die Luftwaffenbasis Hmeimim. Russland will beide behalten und gut schützen. Möglicherweise dienen die verstärkten Transporte dem Ausbau dieser Stellungen. "Da der größte Teil der Streitkräfte de facto dort geblieben ist, gibt es keinen Grund, den Verkehr einzustellen", sagt Michail Barabanow von der in Moskau ansässigen Militärexpertenkommission CAST. "Der Nachschub für die syrische Armee bleibt ebenfalls wichtig."

Die Regierung in Moskau hat nie bekannt gegeben, wie viele Soldaten sie nach Syrien entsandt hat. Auch über das Ausmaß des Teilabzuges schweigt sie. Nach Berechnungen von Reuters sei nach dem Abzugsbeschluss rund die Hälfte der Kampfflugzeuge verlegt worden. Am Montag zeigte das Staatsfernsehen, wie drei Kampfhubschrauber aus Syrien abtransportiert wurden. Die genauen Zahlen hält Russland geheim, doch Reuters vermutet, dass noch 36 Kampfjets in Syrien sind.

Möglicherweise US-russische Kooperation

Der von Russland unterstützte Kampf der Assad-Truppen gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auch nach der Rückeroberung von Palmyra geht unvermindert weiter. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Angriff auf die zentrale IS-Stellung in Rakka.

Nach Darstellung des Kremls wolle sich dafür sogar das russische Militär mit dem der USA abstimmen. Beide Seiten würden über eine konkrete militärische Koordinierung zur Befreiung von Rakka sprechen, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax den russischen Vizeaußenminister Oleg Syromolotow. Eine Bestätigung aus den USA gibt es dafür allerdings nicht.

Russland und die USA fliegen seit Längerem Luftangriffe in Syrien – allerdings findet kaum eine Koordinierung statt. Beide Seiten bekämpfen zwar den IS, dies geschieht aber unabhängig voneinander. Sie unterstützen zudem unterschiedliche Konfliktparteien in Syrien. Russland kämpft an der Seite der Regierungstruppen, die USA stärken oppositionelle Kräfte.

Moskau - Steinmeier warnt vor Verzögerungen im syrischen Friedensprozess Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat bei einem Treffen mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow die Konflikte in Syrien und in der Ukraine angesprochen. Er betonte die Dringlichkeit einer Lösung in Syrien: Es sei keine Zeit zu verlieren, so Steinmeier in Moskau.