Barack Obama hat in seinen beiden Amtszeiten einige außenpolitische Entscheidungen getroffen, die auf Unverständnis gestoßen sind. Die "rote Linie" in Syrien, sein Vorgehen in der Ukraine-Krise, die Intervention in Libyen: Im US-Magazin Atlantic hat sich der US-Präsident, der kurz vor seinem Abtritt wieder sehr beliebt in der Bevölkerung ist, noch einmal zu den großen Konflikten geäußert.

Obama verteidigte seine Außenpolitik der Zurückhaltung. "Wir sollten uns nicht dazu verpflichten, im Nahen Osten und in Nordafrika regieren zu wollen", hatte der Präsident erst vor Kurzem gesagt. Solche Versuche seien zum Scheitern verurteilt. Diese Sichtweise zieht sich durch die außenpolitische Bilanz, die Obama im Atlantic zieht und die passend mit "Die Obama-Doktrin" überschrieben ist.

Rote Linien, die keine sind

"Für uns ist die rote Linie die Nutzung von Chemiewaffen." Mit diesem Satz hatte sich Obama 2013 im syrischen Bürgerkrieg in eine Situation der politischen Unbeweglichkeit manövriert. Als tatsächlich Chlorgas eingesetzt wurde, zögerte er: Aus dem angedrohten garantierten militärischen Vorgehen wurde ein "vielleicht", das der Präsident mit einer Abstimmung im Kongress verband. Die so gewonnene Zeit nutzte die Obama-Administration für die Suche nach Alternativen. Mithilfe von Russland wurde das syrische Chemiewaffenarsenal schließlich auf offener See zerstört – eine für Obama wenig schmeichelhafte Lösung, bei der sich die rote Linie als ineffektiv erwies und für die der US-Präsident zudem Wladimir Putin brauchte.

"Wir konnten nicht riskieren, die UN-Inspektoren vor Ort zu treffen", rechtfertigt Obama die umstrittene Entscheidung im Atlantic. Ein weiterer Faktor sei gewesen, dass Großbritanniens Premierminister David Cameron die Zustimmung des Parlaments zu einer Beteiligung an der Intervention verweigert worden war. Entscheidend war laut Obama letztlich aber, dass man das Chemiewaffenprogramm des syrischen Regimes nicht durch Luftschläge hätte zerstören können. "Assad hätte behaupten können, dass er Angriffe durch die USA, die nicht von der UN legitimiert waren, überstanden hat." Dadurch wäre der syrische Machthaber am Ende gestärkt aus der Situation hervorgegangen.

Auf Syrien folgte die Krim

Seine Haltung im syrischen Bürgerkrieg wurde Obama immer wieder angelastet: Kritiker werfen ihm vor, dass seine schwache Position der "unechten roten Linie" Wladimir Putin ermutigte, Anfang 2014 die Krim zu besetzen. Diese Theorie hält der US-Präsident für abwegig. Schließlich habe Putin 2008 während der Amtszeit von George W. Bush, der außenpolitisch alles andere als zurückhaltend agierte, auch in Georgien interveniert. "Putin reagierte in der Ukraine, weil er an Einfluss verlor." Genau das Gleiche habe der russische Präsident in Syrien getan. Das Ziel, eine Stärkung der machtpolitischen Stellung Russlands, habe Putin aber verfehlt. "Wahre Macht bedeutet, dass man kriegt, was man will, ohne dass man Gewalt anwendet", sagte Obama. Russland sei daher viel mächtiger gewesen, als es vor der Revolution noch so ausgesehen habe, als wäre die Ukraine ein unabhängiger Staat – während Putin im Hintergrund "die Strippen" gezogen habe.

Obamas Blick auf die Ukraine ist heute erstaunlich nüchtern, beinahe fatalistisch. Das Land liege nun einmal im Einflussbereich Russlands und nicht in dem der USA, sagte er dem Atlantic. "Die Ukraine wird, egal was wir tun, immer verwundbar durch Russland sein, weil es kein Nato-Mitglied ist." Es handle sich um einen Fall, bei dem die USA sehr genau abwägen müssten, was in ihrem Interesse sei.

"Putin ist nicht völlig dumm"

Die Theorie von der Schwäche, die ein weiteres aggressives Vorgehen Russlands provoziert habe, deutet an, dass es in den internationalen Beziehungen auch um Psychologie geht. Oder in dem Fall: Um das Verhältnis zwischen Putin und Obama. Auch in dieser Hinsicht überrascht Obama, indem er das westliche Bild vom vermeintlich garstigen russischen Präsidenten verneint. "Putin ist nicht besonders boshaft", sagte Obama. Bei vielen Treffen sei Russlands Präsident höflich und offen gewesen.