Belgien bleibt in Alarmbereitschaft. © Christian Hartmann/Reuters

Vier Tage nach den Anschlägen von Zaventem und Maelbeek: Der Rauch der Explosionen hat sich verzogen. Dafür hängt über Brüssel nun ein dichter Nebel aus Fragezeichen. Auch dank der jüngsten Razzien und Festnahmen in verschiedenen Stadtteilen kommen immer mehr Details über das französisch-belgische Dschihadisten-Joint-Venture ans Licht. Allein: Der festgenommene Salah Abdeslam mag nicht mehr reden, Politik und Sicherheitsapparat streiten darüber, wer den späteren Selbstmordattentäter Ibrahim El Bakraoui nach seiner Abschiebung aus der Türkei aus den Augen verloren hat und warum das Netzwerk in Molenbeek, Schaerbeek und Forest nicht längst zerschlagen wurde.

Seit den Anschlägen in Paris im vergangenen November lebte auch die belgische Bevölkerung in einem permanenten Zustand der Alarmbereitschaft. Die Behörden waren aufgeschreckt, hastig wurde Polizei und Justiz ein Zuschuss von 400 Millionen Euro gewährt, ihre Befugnisse ausgeweitet und Dutzende Wohnungen durchsucht. Verhindert hat es die Anschläge vom Dienstag nicht. Steuerte Belgien also sehenden Auges auf diese Katastrophe zu?

So einfach ist es nicht. Als Anfang 2015 in Verviers eine Terrorzelle entdeckt und ausgehoben worden war, hatten die Ermittler offenbar einen Anschlag verhindert. Zumindest gab es deutliche Anzeichen dafür, dass die festgenommenen Extremisten kurz vor der Verwirklichung ihrer Pläne standen. Wer also Leichtsinn und Schludrigkeit generell für konstituierende Merkmale belgischer Terrorbekämpfung hält, macht sich nur mit den Freunden des aktuellen Belgium-Bashings gemein.

Vielmehr dürfte das Land nun den Preis dafür bezahlen, dass man schon seit Langem auf dem islamistischen Auge blind gewesen ist. Warnungen vor Terroristen, die in Belgien geboren und dort in schwierigen Verhältnissen sozialisiert wurden, gab es bereits vor 2013, als die Sorge vor dem Dschihad-erprobten Syrien-Rückkehrer auch die belgische Politik erreichte. 2006 etwa erschien das Buch Undercover in Klein-Marokko der Journalistin Hind Fraihi, die während ihrer zweimonatigen Recherche in Molenbeek zusehends religiösem Fanatismus begegnete. Und ein Jahr zuvor hatte sich im Irak erstmals eine Frau aus dem Westen in die Luft gesprengt: die Konvertitin Muriel Degauque aus Charleroi.

Belgien kreist um sich selbst

Dass die Alarmsignale in Belgien wenig Widerhall fanden, liegt nicht zuletzt an der schweren innenpolitischen Krise, in der das Land damals steckte. Als in Syrien 2011 die Proteste begannen, war man gerade auf dem Weg zum Weltrekord, was die längste Zeit ohne Regierung angeht. So tief war der Graben zwischen den Sprachgruppen, dass, so die Zeitschrift Knack, Politik und Öffentlichkeit mehr Energie in die Ausgestaltung des Wahlkreises gesteckt zu haben scheinen als in das Vorhaben, "eine diverse Gesellschaft zusammenzuhalten". Mehr als eine Legislaturperiode kreiste Belgien um sich selbst, unterteilt in einen flämischen und einen frankophonen Block mit enormen Zentrifugalkräften.

Auch die internationalen Journalisten lernten die besonderen belgischen Verhältnisse in den vergangenen Monaten kennen. Verdutzt blickten sie auf die komplexen Brüsseler Strukturen, auf die 19 Kommunen und sechs Polizeizonen, jede ausgestattet mit je eigenen Zuständigkeiten. Allein dies war Anlass für heftige Kritik an den belgischen Behörden.

Andere wie Hans Bonte, einst Sozialarbeiter in Molenbeek und heute sozialdemokatischer Bürgermeister des Brüsseler Vorstädtchens Vilvoorde, werfen Polizei und Justiz zudem vor, die vielen Verbindungen zwischen Extremisten- und Kriminellenmilieu nicht ausreichend genug geprüft zu haben. "Der Terrorismus agiert an der Kreuzung von Radikalisierung und organisierter Kriminalität", sagt Bonte. "Da müssen wir ansetzen." Lästige Schulddebatten würden das Land nicht weiterbringen, wohl aber der bessere Austausch von Informationen und Erkenntnissen, Hinweisen und Fakten.

Und auch ein anderes Vorhaben wartet weiter auf seine Umsetzung: das Großreinemachen von Innenminister Jan Jambon in Molenbeek und den angrenzenden Kommunen. Haus für Haus sollten die Bewohner identifiziert werden. Warum dies noch nicht passiert sei, wurde auch Johan De Becker, der Polizeichef der Zone Brüssel-West, gefragt. Seine Antwort dürfte auf die eigentlichen, sozialen und gesellschaftlichen Probleme des homegrown terrorism hindeuten: "In Molenbeek wohnen 95.000 Menschen", so der Polizeichef. Es sei unmöglich, jedes Haus zu kontrollieren. "Jährlich schreiben sich 8.000 neue Bewohner ein, und manchmal ziehen sie bis zu vier, fünf Mal im Jahr um – der Zustand ihrer Wohnung ist einfach zu schlecht."