Nach den Anschlägen haben Menschen in Brüssel Botschaften auf den Boden des Börsenplatzes geschrieben. © Christopher Furlong/Getty Images

22. März 2016, wenige Stunden nach den Anschlägen: ein Anruf bei der Anti-Terror-Behörde OCAD. "Also noch mal, bitte: 13 Tote in der Metrostation und 13 am Flughafen, stimmt das?" – "Ja." – "Andere Stellen haben andere Zahlen." – "Moment, ich frag' eben nach." Es dauert ein paar Momente, dann bestätigt der Mann am Telefon die Statistik. Etwa zur gleichen Zeit meldet die Presseagentur Belga, laut Gesundheitsministerium gebe es am Flughafen elf Tote. Die Brüsseler Verkehrsbetriebe MIVB gehen von 15 Toten in der Metrostation Maelbeek aus. Was stimmt? Und gibt es keine einheitliche Zählung?

Man kann sich vorstellen, dass da allerhand drunter und drüber geht in einem solchen Moment, dass es kaum möglich ist, den Überblick zu behalten und Meldungen sich widersprechen. Es dauert, Verletzte und Tote zu bergen, und wer die Berichterstattung von Katastrophen oder Anschlägen schon einmal aus der Nähe verfolgt hat, weiß, dass es mit verlässlicher Information manchmal so eine Sache ist. Auch der Ort, das Land, in dem sich alles zuträgt, haben darauf mit Sicherheit Einfluss. Das gilt überall, und auch in Belgien.

Oder ganz besonders in Belgien? Seit den Pariser Anschlägen im November scheinen wir alle zu wissen, dass in diesem Land einiges grundsätzlich falsch läuft. Die Pannen erscheinen geradezu haarsträubend. Die Polizei in Mechelen geht nicht auf einen – notabene zutreffenden – Tipp zum Aufenthaltsort Salah Abdeslams ein. Einer der Attentäter wird trotz negativer Beurteilung verfrüht aus dem Gefängnis entlassen. Auf die Meldung seiner Festnahme an der syrischen Grenze reagiert man tagelang nicht. Deshalb ist da dieses Misstrauen. Bei Journalisten, bei ausländischen Politikern, bei Bürgern. Ach, Belgien? War ja klar!

Um das Misstrauen zu aktivieren, braucht es wenig. Ein Verdacht ist schnell formuliert und fast ebenso schnell ausgesprochen in diesen Tagen. Selbst bei den Angaben zu den Opferzahlen wird man hellhörig, wenn diese, wie in solchen Situationen üblich, variieren. Am Tag nach den Anschlägen war von 32 die Rede. Bis zum Osterwochenende ging man dann von 31 aus. Inzwischen sind es 35, doch steht dahinter der einfache wie furchtbare Grund, dass weitere vier Verletzte in Krankenhäusern verstarben. Die belgische Gesundheitsministerin twitterte das am Montag ganz offiziell, ebenso wie die aktuelle Verletztenzahl: 101 Personen in 33 Kliniken.

Anschläge in Belgien - "Brüssel lebt!" Eine Woche nach den Anschlägen in Brüssel sind noch viele Menschen schockiert. Bei den Anschlägen waren 35 Menschen getötet worden. Die Ermittler fahnden noch immer nach einem dritten mutmaßlichem Täter.

Erwarten wir Pannen, wenn es um Belgien geht?

In manchen Fällen wiegt das Misstrauen noch schwerer. Am Dienstag, eine Woche nach den Anschlägen, wird berichtet, und das nicht zum ersten Mal, ein ausländischer Geheimdienst habe vor Terror gewarnt. In diesem Fall will das FBI die Niederlande am 16. März über entsprechende Absichten der El-Bakraoui-Brüder unterrichtet haben. Der niederländische Justizminister gibt an, man habe Belgien am 17. März informiert. Claude Fontaine, der Generaldirektor der föderalen Polizei Belgiens, bestreitet das. Offenbar bleibt die Wahrheit irgendwo auf diesem Dienstweg auf der Strecke. In Gedanken weisen derweil wohl so manche Zeigefinger nach Belgien.

Je mehr sich diese Wahrnehmung etabliert, desto automatischer stellt sich die Schuldzuweisung ein. Beispiel: Fayçal Cheffou, ein selbst erklärter "unabhängiger Journalist" mit vermeintlich islamistischem Hintergrund. Letzte Woche wurde er unter dem Verdacht festgenommen, einen Anschlag auf das Hauptquartier der Staatsanwaltschaft zu planen. Möglicherweise, hieß es danach, sei er auch der verhinderte dritte Selbstmordattentäter vom Flughafen, in den Medien bekannt als "der Mann mit dem Hütchen". Am Montag wurde Cheffou freigelassen, er soll ein Alibi haben, das den Untersuchungsrichter überzeugte. Ein üblicher Vorgang in diesem Stadium der Ermittlungen. Nur: Wurde Ibrahim El Bakraoui nicht auch freigelassen?

Redlicherweise muss man sich die Frage stellen, ob das eine tatsächlich mit dem anderen zu tun hat. Oder weiter gefasst: Erwarten wir nicht Pannen, wenn es um Belgien geht? Weil, sagen wir, die Stadttunnel in schlechtem Zustand sind, Bahnhöfe wie Brüssel-Nord oder Vilvoorde einen Grad an Verfall offenbaren, der so in keinem anderen Land Westeuropas toleriert würde? Es ist mühsam, den Dingen auf den Grund zu gehen. Manche verweisen auf den Dutroux-Skandal und das Versagen der Behörden. Nicht von der Hand zu weisen. Gar nicht wenige Menschen aber finden Belgien schon deshalb seltsam, weil es ihrer Meinung nach ein künstlicher Staat sei.

Denkt man all das zu Ende, wirft der aktuelle Kontext eine beklemmende Frage auf. Schafft die berühmte, die berüchtigte, von zahlreichen ausländischen Besuchern aber auch innig geliebte belgische Unaufgeregtheit als Nebenwirkung Freiräume für Dschihadisten? Das Laissez-faire, die Genusspriorität des "nördlichsten Lands Südeuropas" ist in Verruf geraten, wenn nicht unter Terrorverdacht. Und mittendrin: Brüssel, geliebt und gehasst für sein flexibles Durcheinander. "Wann wird charmante Unordnung zu riskanter Nonchalance?", fragte sich Bart Eeckhout, Kolumnist der Tageszeitung De Morgen und überzeugter Hauptstadtbewohner. Der Titel seines Essays lautete: "In mir ist ein Stückchen Brüssel kaputtgegangen."