Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva © Evaristo Sa/AFP/Getty Images

Als Luiz Inácio Lula da Silva den Raum betritt, weiß er schon: In so gewaltigen politischen Schwierigkeiten war er noch nie. Man erkennt ihn gleich wieder, den alten Haudegen, den Arbeiterführer mit dem stoppeligen Vollbart, dem breiten Rücken und den fröhlichen, listigen Augen. Von 2003 bis 2010 war er Brasiliens Präsident, und heute soll man das auch sehen: Er trägt einen staatstragenden dunklen Anzug und eine Krawatte in Grün-Gelb-Blau, den Farben der brasilianischen Landesflagge.

"Damals", hebt er mit tiefer Bassstimme an, "im Jahr meines Amtsantritts, hatte ich mir etwas vorgenommen. Wenn mein Mandat zu Ende geht, soll jede Brasilianerin und jeder Brasilianer sich ein Frühstück leisten können, ein Mittagessen und ein Abendessen." Er erzählt, wie viel er geschafft hat. Wie er Millionen Menschen aus der Armut holte und Brasilien in eine Weltmacht in spe verwandelte. Lula hat zum Wochenbeginn eine Gruppe internationaler Journalisten zu einem Interview eingeladen, ein namenloser Hotelsaal in São Paulo ist die Kulisse, aber die wirklich wichtigen Ereignisse des Landes laufen gerade anderswo.

In der Hauptstadt Brasília zerbricht gerade die Regierungskoalition der Lula-Vertrauten und Amtsnachfolgerin Dilma Rousseff. In Hinterzimmerdeals wird ausgemacht, was später nur noch kurz nach einer dreiminütigen Konferenz der Parteispitzen bekannt gegeben wird: Die PMDB-Partei tritt mit sofortiger Wirkung aus der Regierung aus. Sie unterstützt sogar ein Amtsenthebungsverfahren gegen die Präsidentin, die Ende 2014 für eine zweite Amtszeit gewählt worden war und die Lulas Erbe weiter führen wollte: den Aufstieg der Armen, die Ausweitung der Sozialhilfe, den Bau von Millionen von Sozialwohnungen im ganzen Land und so weiter. Das ist bald vorbei – davon sind fast alle überzeugt.

Brasilien - Brasiliens Präsidentin Rousseff verliert wichtigsten Koalitionspartner Die Partei PMDB hat entschieden, sich mit sofortiger Wirkung aus der Regierung mit Präsidentin Dilma Rousseff zurückzuziehen. Damit wird ein Amtentshebungsverfahren gegen die angeschlagene Präsidentin wahrscheinlicher.

Der Meisterverhandler Lula

Lula da Silva freilich hat noch nicht aufgegeben. "Das Wort Niederlage ist diesem Mann unbekannt", hatte vor ein paar Wochen ein enger persönlicher Vertrauter des Ex-Präsidenten geflüstert, und heute sieht man das. Die PMDB-Partei, der abtrünnige Partner seiner Nachfolgerin, sei "eine sehr regional verankerte Partei". Wenn die Parteispitze sage, sie unterstütze die Regierung nicht, dann heiße das noch gar nichts. Er selber habe gute Verbindungen zu vielen in der Partei. Er werde mit denen jetzt mal sprechen. Der Meisterverhandler Lula, das merkt man gleich, nimmt steile Herausforderungen gerne an.

Es ist nicht nur so, dass Lula sein Lebenswerk retten will – vor einer neuen Regierung, die aller Erwartung nach die Sozialhilfen kürzen, das Land auf einen wirtschaftsliberaleren Kurs bringen würde und deutliche Machtgewinne der Oligarchen und alten Mächte des Landes mit sich brächte. Gegen die hat Lula ein Leben lang gekämpft. Er scheint außerdem von einem heiligen Zorn ergriffen. Denn bei der geplanten Absetzung von Dilma Rousseff geht nicht alles mit rechten Dingen zu.

"Spielt nicht mit der Demokratie!", warnt der Ex-Präsident dann, seine Rhetorik wird dann eindringlich. Es könne keine "halbe Demokratie" geben. Demokraten müssten wachsam sein, und sie müssten sich an die Spielregeln halten. "Allzu schnell, liebe Genossen und Genossinnen", rutsche man wieder ab in eine Diktatur. Das ist der Tonfall, in dem schon seit Wochen die Vorwürfe zwischen dem Regierungslager und der Opposition hin und her wandern.

Was er damit meint? Lula und seine Anhänger sprechen in diesen Tagen von einem "Staatsstreich" der Opposition. Seit der Wiederwahl Rousseffs 2014 im Parlament seien fast sämtliche Gesetzesvorhaben der Präsidentin blockiert worden. Das sei doch nicht mehr demokratisch. Dann das Amtsenthebungsverfahren gegen die Präsidentin. Es kommt in zwei Wochen zum Abschluss, dann wird Rousseff wahrscheinlich ihren Job verlieren. Aus Sicht des Regierungslagers läuft die Amtsenthebung nur wegen offensichtlich vorgeschobener Formalitäten.