Damals war er noch Präsident und versprach der Welt, Brasilien würde 2016 in Rio die "schönsten Spiele aller Zeiten" ausrichten: Luiz Inácio Lula da Silva im Juni 2009 in Genf. © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Man versteht in diesen Tagen nicht, warum sich Leute noch für House of Cards interessieren. Kriegen sie keine Nachrichten aus der brasilianischen Politik? Das Land hat in diesen Tagen eine Rekordzahl politischer Intrigen anzubieten. Es gibt einen Staatsanwalt, der einen Ex-Präsidenten in Untersuchungshaft stecken will, dessen halbe Führungsmannschaft bereits hinter Gittern sitzt. Einen Parlamentspräsidenten, der Bestechungsgelder in Millionenhöhe auf Schweizer Konten geparkt haben soll, aber dennoch im Amt bleibt und andere Politiker mit Korruptionsvorwürfen entmachten will. Und es gibt Straßendemos, auf denen die Leute eine Rückkehr in die Militärdiktatur fordern. Sie sagen: In einem solch maroden politischen System sei eh alles egal.

Tatsächlich hat das Magazin Americas Quarterly kürzlich in einem Quiz die wildesten Intrigen, Betrügereien, Bestechungen und Lügenskandale zwischen der Fernsehserie und der Hauptstadt Brasília verglichen. Brasília hat gewonnen – und seither ist noch einiges geschehen. So abenteuerlich wie in den vergangenen Tagen ging es selbst für brasilianische Verhältnisse selten zu.

Die Opposition will Präsidentin Dilma Rousseff stürzen. Das geht schon so seit die Linkspolitikerin im vergangenen Herbst hauchdünn die Wahl gewann. "Weg mit Dilma", heißt die schlichte Parole und die Opposition treibt ihre Sache mit Wochenenddemos voran, bei denen vor allem Mitglieder der wohlhabenderen, konservativeren Kreise auf Pfannen und Töpfe schlagen. In Lateinamerika ist das eine verbreitete Protestform. 

Brasilien - Ex-Präsident Lula da Silva wegen Korruptionsvorwürfen verhört Brasiliens Ex-Präsident soll an der Korruptionsaffäre um den brasilianischen Erdölkonzern Petrobras beteiligt sein. Er habe von den Verbrechen profitiert, so die Polizei.

Dies ist der demokratische Teil der Affäre. Aber es gibt noch einen anderen. Schon gleich nach der Wahl erfuhr man aus Oppositionskreisen, dass mehrere Juristenteams an einer Amtsenthebung der frisch gewählten Präsidentin arbeiteten. Wie man das anstellen wollte? Nun, in den Wochen vor der Wahl war in Brasilien ein milliardenschwerer Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras hochgekocht. Als erhärtet gilt, dass bei allen möglichen Ölförderungs- und Bauprojekten in Lande systematisch drei Prozent der Vertragssumme in schwarze Kassen abgezweigt, aufwändig von internationalen Mafias gewaschen und schließlich wohlwollenden Politikern zugeleitet wurden.

Dilma hatte nichts mit dem Korruptionsskandal zu tun

Eine ganze Riege von Spitzenpolitikern beider Parteien sitzt deswegen im Knast. Erst vergangene Woche wanderte der bekannteste Baulöwe des Landes Marcelo Odebrecht für 19 Jahre hinter Gitter und selbst für brasilianische Verhältnisse war das ein ganz schön dicker Skandal.

Bloß: Dilma Rousseff hatte ärgerlicherweise nichts damit zu tun. Nicht mal ihrem Verbündeten und Amtsvorgänger konnte bislang etwas nachgewiesen werden, dem linken Ex-Gewerkschaftler und Volkstribunen Luis Inácio Lula da Silva, der mit allen Wassern gewaschen ist, sodass viele Brasilianer ihm krumme Geschäfte jederzeit zutrauen würden. Natürlich wird diskutiert, wie es sein kann, dass die beiden von einem so gigantischen Skandal nichts gewusst haben sollen. Sollten sie nicht zumindest politisch die Konsequenzen ziehen?

Doch weder die entfesselten Juristenteams der Opposition noch die investigative Presse (häufig oppositionsnah, weil sie von Oligarchen finanziert ist) konnten den beiden bisher Konkretes nachweisen. An mangelndem Eifer liegt das nicht.

Das ist alles unpraktisch für die Opposition. Zumal die Präsidentin Rousseff ein Sturkopf ohne Gleichen ist und politische Gegner gerne auf ihre Vergangenheit als Opfer in den Folterkellern der Militärdiktatur verweist. Da wurde sie brutal misshandelt, aber doch nicht gebrochen.

Erneut Massendemos am Wochenende

Zwischenzeitlich hat die Opposition durch Totalblockaden im Parlament das Regierungsgeschäft zum Erliegen gebracht und ein juristisches Amtsenthebungsverfahren läuft seit vielen Monaten. Aber auch die in ihm vorgebrachten Argumente haben mit dem großen Bestechungsskandal, Lava Jato genannt, nichts zu tun. Als Vorwurf gegen Rousseff dient ersatzweise nicht die Korruption selbst, sondern eine Formalie: Während ihrer ersten Amtszeit soll die Regierung den Staatshaushalt auf regelwidrige Art berechnet haben. Freilich hatten das andere Regierungen vor ihr auch schon so gehalten. Jeder im Land weiß: Es geht natürlich nicht um diese Sache.

Vergangene Woche gab es dann tolle Fernsehbilder für die Opposition. Ex-Präsident Lula, sein Bart inzwischen sehr ergraut, aber die Wangen wutgerötet wie eh und je, bekam im Morgengrauen Besuch von der Polizei. Die Beamten trugen Gewehre und Camouflage-Uniformen, Lulas zahlreiche Anwälte trugen schwarze Anzüge und Lula wurde zur Polizeistation an einem Flughafen abgeführt. Mehrere Wohnungen und Büros im ganzen Land wurden gleichzeitig durchsucht. Später beantragte ein Staatsanwalt sogar Untersuchungshaft für Lula da Silva. Darüber sollen nun Gerichte entscheiden.

Die Schriftsätze des Staatsanwalts gegen Lula lesen sich ein wenig eitel und wirr, da ist von "Marx und Hegel" die Rede und von allerlei Politphilosophie. Vor den Durchsuchungen waren auffällig viele konservative Medien informiert worden, sodass die Fernsehbilder stimmten, aber in der Sache geht es darum: Lula sollen Wohnungen gehören, die er nirgendwo angibt, und ihm sollen kostspielige Nettigkeiten von Baufirmen zugute gekommen sein. "Medientheater", protestierte Lula und stellte gleich in Aussicht, dass er bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2018 wieder antreten wolle. "Übertrieben und unakzeptabel", schalt Dilma Rousseff die Justiz und besuchte den Ex-Präsidenten demonstrativ in seiner Wohnung. Womit jetzt wenigstens klar ist, dass das politische Schicksal der beiden untrennbar verschmolzen ist.

Dieser Geschichte aus der brasilianischen Politik fehlt eigentlich nur eines: eine Moral. Man kann natürlich – wie etliche Demonstranten dieser Tage – kategorisch sagen, dass alle Politiker unter Korruptionsverdacht von der Bildfläche verschwinden sollen. Aber dann bliebe in Brasilien fast niemand übrig. Die einzige mögliche Ausnahme wäre wohl ausgerechnet Dilma Rousseff, die Präsidentin.

Die Börse jubelt über die Razzia bei Lula

Für den Parlamentschef beispielsweise, der maßgeblich das Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff betreibt, sieht es gar nicht gut aus. Ständig kommt Neues über angebliche Nummernkonten in der Schweiz, abgezweigte Millionen und Schiebereien seiner Model-Ehefrau heraus. Er klammert sich an seinen Posten, weil ihm das Immunität vor der Justiz verschafft, und ganz offensichtlich genießt er dabei die Unterstützung seiner Kollegen im konservativen Lager. Viele von ihnen sitzen ebenfalls im Glashaus. Aécio Neves, ein pragmatischer Wirtschaftsliberalist und landesweit bekannter Playboy aus Rio de Janeiro, der im vergangenen Jahr als Spitzenkandidat gegen Rousseff unterlag, mahnte vor ein paar Tagen bereits die Justiz zu etwas mehr Mäßigung. Er meinte das Verfahren gegen den Ex-Präsidenten Lula. Auch gegen Neves laufen alle paar Jahre Korruptionsuntersuchungen.

Die Börse legte seit den Hausdurchsuchungen bei Lula eine Rallye hin und auch die Landeswährung stieg. Viele Unternehmer und Investoren sahen die Razzia als tolles Signal. Den einen gefällt, dass in diesem bekanntermaßen korrupten System die Justiz doch einmal tabulos durchzugreifen scheint. Andere hoffen auf einen politischen Wandel, obgleich auch die Opposition nicht mit überzeugenden wirtschaftspolitischen Rezepten oder gar Unbestechlichkeit glänzt.

Am Wochenende sollen neue Massendemos gegen Dilma und Lula auf den Straßen brasilianischer Städte stattfinden – und je mehr es davon gibt, desto besser wird die Stimmung an den Märkten.

Die brasilianische Präsidentin fand in den vergangenen Tagen übrigens, das mit der Immunität sei doch eine Superidee. Rousseff hat dem von der Justiz belagerten Lula da Silva ein Ministeramt angeboten. Lula hat abgelehnt: Solch ein Manöver sähe ja ganz schön intrigant aus! Damit hat er recht; es wäre klassisches House of Cards. Freilich hat sich Lula aber vorbehalten, Dilmas Angebot zu einem späteren Zeitpunkt doch noch anzunehmen.