Polizisten stehen in der Rue de la Loi in der Nähe der U-Bahnstation Maelbeek. © Nicolas Maeterlinck/AFP/Getty Images

Viele Fragen sind noch offen, einige werden es womöglich über Tage und Wochen hinweg bleiben. Noch kennen wir keinen der Täter, die am Dienstag in Brüssel mehrere Bomben am Flughafen und mindestens eine an einer Metrostation gezündet haben. Noch hat sich weder die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) noch eine andere dschihadistische Organisation zu Wort gemeldet und die Anschläge für sich reklamiert.

Aber es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Dschihadisten verantwortlich sind. Dafür spricht die Tatsache, dass sich im Flughafen mindestens ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, wie die Staatsanwaltschaft mittlerweile bestätigt hat. Darüber hinaus ist seit Langem bekannt, dass es in Belgien eine umfangreiche, extrem militante islamistische Szene gibt. Und schließlich fügt sich die Tat selbst in Muster, die man von dschihadistischen Attentätern in Europa bereits kennt, wie zum Beispiel die Angriffe auf den Nahverkehr in Madrid 2004 und in London 2005.

Angriffe auf Ziele wie Flughäfen und U-Bahnhöfe sind keine Attentate, sie richten sich nicht gezielt gegen bestimmte Personen, sondern sollen unterschiedslos töten und eine ganze Stadt, ein ganzes Land in Angst und Schrecken versetzen.

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Erste Spekulationen, die Anschläge könnten in Zusammenhang mit der Festnahme von Salah Abdeslam vor einigen Tagen stehen, dem einzigen überlebenden Mittäter der Anschläge in Paris vom vergangenen November, sind vermutlich übereilt. Eine Explosionsserie wie die von Brüssel ist nicht in wenigen Tagen vorzubereiten. Allerdings ist es keineswegs unwahrscheinlich, dass das erweiterte Netzwerk um Abdeslam und die Paris-Attentäter verantwortlich ist. Falls dem so ist, so hat es der norwegische Terrorexperte Thomas Hegghammer bereits festgestellt, wäre es das erste Mal, dass eine Zelle dazu in der Lage wäre, in Europa gleich zwei Mal zuzuschlagen, bevor es aufgerollt wird. Das wäre nicht nur eine schwere Niederlage für die europäischen Sicherheitsbehörden; es wäre zugleich ein Ausweis für die wachsende Professionalität des IS.

Der IS will eine Welt, die in Schwarz und Weiß unterteilt ist

Orte der Anschläge in Brüssel

Flughafen Brüssel-Zaventem, Karte
Brüssel, Maelbeek, U-Bahn, Metrostation, Karte

Wenn der "Islamische Staat" hinter den Anschlägen steckt, wird er sich früher oder später zu Wort melden, vielleicht mit einem Video, vielleicht mit einer Audiobotschaft oder einem Bekennerschreiben. Gewiss wird der IS vermeintliche Rechtfertigungen für seine Morde anbieten, so wie er Paris etwa als "Hauptstadt der Sünde" bezeichnete und die Anschläge außerdem als Rache für den französischen Einsatz gegen den IS in Syrien darstellte. Aber um zu verstehen, was der IS wirklich erreichen will, müssen wir hinter solche fadenscheinigen Pseudo-Erklärungen schauen.

Dem IS geht es darum, Europa zu verändern. Und wenn man sich in jene seiner Veröffentlichungen vertieft, die sich vor allem an die eigenen Anhänger richten, dann wird schnell deutlich, auf welche Weise er das anstrebt. Der IS hat das Konzept von der "Grauzone" entwickelt, die er beseitigen, die er wegbomben will. Der IS will eine Welt, die in Schwarz und Weiß unterteilt ist, in wahre Gläubige und echte Ungläubige. Die Grauzone sind für den IS jene Millionen Muslime, die als europäische Bürger in Europa leben, sich als Teil dieser Gesellschaften fühlen und sich in ihnen engagieren. Die einen Islam leben, der dem IS missfällt. Diese Grauzone soll verschwinden.

Und dafür hat der IS zwei Rezepte: Entweder die Muslime des Westens bekehren sich freiwillig zu ihrer Art des Islam und schließen sich dem "Kalifat" an. Oder sie werden von den europäischen Gesellschaften aus dieser Grauzone herausgedrängt. Letzteres will der IS dadurch erreichen, dass er mit Anschlägen einen Generalverdacht gegen alle Muslime in den Köpfen der Menschen verankert. Je mehr Angst vor Muslimen, so das Kalkül des IS, desto mehr Ausgrenzung und Diskriminierung – und das wiederum triebe den Dschihadisten Rekruten zu.

In Europa, im Westen insgesamt, soll ein Gefühl der permanenten Bedrohung entstehen. Kleine Anschläge, große Anschläge, an verschiedenen Orten, im Idealfall in immer kürzerer Frequenz – das ist der Plan des IS.

Es ist ein schrecklicher, zynischer, mörderischer Plan. Aber es ist ein Plan, den Europas Gesellschaften zu einem guten Teil aktiv durchkreuzen können, indem sie sich nicht einschüchtern lassen und auch im Angesicht der Bedrohungslage nüchtern und besonnen bleiben.

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